In der Pharmabranche Vertreter der Patienten sein

„Doing now what patients need next.“ So lautet das Credo des Pharmaunternehmens Roche, in dem PD Dr. med. Georg Isbary seit 2014 beschäftigt ist. Der Mediziner schätzt die Vielfältigkeit seiner Tätigkeit und sieht sich weiterhin als Vertreter der Patienten. Als Privatdozent in München wahrt er zudem den direkten Kontakt zu Patienten und Studenten.

Welche Aufgabe haben Sie im Unternehmen Roche?
Ich arbeite bei Market Access im Bereich Health Technology Assessment & Value Strategy bei der Roche Pharma AG, einem Bereich, den ich vor drei Jahren als Facharzt für Dermatologie am Klinikum Schwabing in München noch überhaupt nicht kan­nte. Vereinfacht ausgedrückt sind wir dafür zuständig zu zeigen, dass unsere neuen Medikamente einen Zusatznutzen, also einen Mehrwert für den Patienten gegenüber bereits zugelassenen Präparaten haben. Wir schaffen damit die Voraussetzung für einen erfolgreichen Marktzugang.

Können Sie diesen Prozess kurz erläutern?
Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, ist unser Team mit verschiedenen Vertretern anderer Abteilungen dafür zuständig anhand klar definierter wissenschaftlicher Kriterien nachzuweisen, inwieweit Patienten von der Behandlung unserer Medikamente zusätzlich profitieren. Dazu sind wir gemäß dem Arzneimittelneuordnungsgesetz, welches 2011 ins Leben gerufen wurde, verpflichtet. Das geschieht anhand bestimmter Indikatoren, sogenannter Endpunkte. Diese beinhalten die Mortalität (Gesamtüberleben), die Morbidität (zum Beispiel verschiedene Symptome durch den Tumor), die Lebensqualität und die Verträglichkeit. Das Ganze wird in einem großen Nutzendossier verpackt.

Womit beschäftigen Sie sich aktuell genau?
Aktuell arbeite ich in der Onkologie, also einem Schwerpunktbereich von Roche. Größtenteils arbeite ich im Bereich der Krebsimmuntherapie, derzeit beispielsweise für Anwendungen beim Lungen- oder Blasenkrebs. Zum anderen bin ich für die  Dermato-Onkologie zuständig,  also mit Präparaten zur Behandlung von weißem und schwarzem Hautkrebs.

Wie lange dauert die Erstellung eines Nutzendossiers?
Das kann man pauschal nicht sagen, optimalerweise hat man eineinhalb bis zwei Jahre Zeit, denn die Erstellung eines Nutzendossiers ist sehr aufwändig. Es besteht aus fünf verschiedenen Modulen, in denen alle geforderten Angaben verpackt sind. Da kommen schon einige Seiten zusammen.

Und wie viel Zeit nimmt der Gesamtprozess in Anspruch, um ein Medikament zu entwickeln?
Auch das ist sehr unterschiedlich, generell können Sie davon ausgehen, dass es über 10 Jahre dauert, bis es ein Medikament tatsächlich auf dem Markt schafft. Erreichen tut dies von zehntausend potentiellen Substanzen dann nur etwa eines.

Das Verhältnis ist wirklich eins zu zehntausend? Das ist ja ernüchternd.
So ist es leider. Wäre schön für die Patienten, wenn die Zahl höher liegen würde.

Wenn Ihr Team erst bei Zulassungsstudien in den Prozess einsteigt, ist das eine vergleichsweise dankbare Phase, denn die Gefahr, dass das Medikament auf dem Markt kommen wird, ist dann ja vergleichsweise hoch.
Das haben Sie jetzt schön formuliert. Ja, aus dieser Sicht ist es dankbarer. Bei uns fallen weniger Medikamente durch das Raster, als zum Beispiel in der Pipeline, also in der frühen Entwicklung. Aber dennoch kann es auch bei uns noch passieren. Es ist natürlich sehr frustrierend, wenn ein aussichtsreiches Medikament in einer Indikation mit sehr hohem medizinischen Bedarf in der letzten Phase dann doch nicht die gewünschten oder erwarteten Ergebnisse bringt. Das ist dann vor allem für die Patienten sehr schade, natürlich auch für das Unternehmen und die Mitarbeiter, die jahrelang für dieses Medikament gearbeitet haben.

Haben Sie selber das schon einmal erlebt?
Ich habe das vor kurzem selbst erlebt, der primäre Endpunkt der Phase- III-Studie wurde leider nicht erreicht. Das lag nicht an der Wirksamkeit des eigenen Produkts, sondern am unerwartet starken Abschneiden der Chemotherapie im Kontrollarm. Es kann passieren, dass die Vergleichsmedikation stärker abschneidet als es zu erwarten war oder die neue Medikation schwächere Ergebnisse zeigt, wie es aus vorherigen Studienphasen zu erwarten war.

Roche ist ein weltweit agierendes Unternehmen. Kommt es vor, dass Sie ein Präparat entwickeln, das in Deutschland keine Zulassung bekommt, in anderen Ländern aber schon?
Ja, das kann passieren, wenn zum Beispiel die amerikanische Behörde FDA eine Zulassung erteilt, die europäische Behörde EMA aber nicht. Häufiger kommt es jedoch dazu, dass die Payer, also die Krankenkassen zugelassene Medikamente in dem einen Land erstatten, im anderen jedoch nicht. Der sogenannte HTA-Prozess ist in europäischen Ländern unterschiedlich und eine große Herausforderung. In Deutschland wird erst über den medizinischen Zusatznutzen diskutiert und anschließend der Preis verhandelt. In anderen Ländern ist das anders. In England spielt die Kosteneffektivität gleich zu Beginn eine große Rolle. Es muss zwischen der Zulassung und der Erstattung eines Medikaments unterschieden werden. Die Zulassung schaut auf das Nutzen-Risiko- Verhältnis, im HTA-Prozess wird auf den Zusatznutzen zu bisherigen Therapien geachtet.

Können Sie das etwas genauer erläutern?
In Deutschland würde es beispielsweise für die Wirksamkeit im HTA- Prozess nicht  ausreichen, wenn Sie anhand von bildgebenden Verfahren wie Röntgen oder MRT-Bild nachweisen können, dass die Progression eines Tumors durch ein neues Medikament hinausgezögert wird.  Der G-BA sieht hier durch die Beurteilung alleine auf Basis der Bildgebung keinen patientenrelevanten Endpunkt. Dagegen akzeptiert die Zulassungsbehörde das progressionsfreie Überleben mittels Bildgebung.

Daher kann es passieren, dass Zulassungsbehörden ein Medikament durch die erhobenen Endpunkte der Studie die Zulassung erteilen, der G-BA den Zusatznutzen aufgrund der nicht akzeptierten Endpunkte nicht erteilt.

Wie sehen Sie das als Arzt?
Als Mediziner sehe ich es als patientenrelevant an, wenn wir anhand von bildgebenden Verfahren nachweisen können, ob ein Tumor auf eine Behandlung anspricht oder nicht. Selbst wenn der Patient dies zu diesem Zeitpunkt nicht unmittelbar verspürt, will der Patient wissen, ob die Therapie weiterhin anspricht. Dann kann die Therapie noch umgestellt werden. Wenn wir immer warten würden, bis der Patient den gewachsenen Tumor oder weitere Metastasen verspürt, wäre es definitiv zu spät. Aber so sind aktuell die Regularien.

Wie sind Sie eigentlich zu Roche gekommen?
Das war ein Zufall. Ich hatte in München gerade meinen Facharzt gemacht und zeitgleich meine Habilitation an der LMU abgeschlossen und war neugierig auf etwas Neues, obwohl ich mich in der Klinik sehr wohl gefühlt habe. Mein bester Freund, der bei Roche in Penzberg arbeitet, hatte mir eine Stellenausschreibung zugeschickt. Gesucht wurde ein Medical Manager in der Dermato-Onkologie. Ich habe mir das durchgelesen und fand, es las sich spannend, obwohl ich als Mediziner erst einmal gar nicht alles verstanden habe, mit was man sich als Medical Manager befasst. Das habe ich dann in meinen Vorstellungsgesprächen klären können und meine Entscheidung zu Roche zu gehen nicht bereut. Ich habe in der Industrie viele Entwicklungsmöglichkeiten in ganz andere Bereiche, wie aktuell im Bereich Market Access.

Wird die Pharmabranche unter Medizinern als Arbeitgeber unterschätzt?
Ich denke schon. Es liegt unter anderem daran, dass man als Arzt gar nicht wissen kann, wie viele verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten es in der Pharmaindustrie gibt. Leider hat die Pharmaindustrie generell in den Medien immer noch einen gewissen negativen Touch, den ich selber in der heutigen Zeit nicht nachvollziehen kann. Ohne die Pharmaindustrie hätten wir nicht die Möglichkeit so rasche medizinische Fortschritte zu machen. Uns ständen sicher weniger Medikamente für die erfolgreiche Behandlung von Patienten zur Verfügung. Was viele bei der Beurteilung der Gewinne eines Medikaments nicht berücksichtigen, ist die Tatsache, dass die Entwicklung der Medikamente  sehr hohe Kosten verursacht. Und vergessen Sie nicht: Ein wirksames Medikament muss ja auch diejenigen Präparate mitfinanzieren, die es leider nicht auf den Markt geschafft haben. Letztlich muss ein Unternehmen wirtschaftlich bleiben.

Sie haben vorhin beschrieben, dass Sie gerne als Arzt im Krankenhaus gearbeitet haben. Vermissen Sie manchmal Ihre Tätigkeit als Arzt?
Ab und zu vermisse ich sie, aber ich habe den Kontakt zu den Patienten und auch zur Klinik nie abreißen lassen. Als Privatdozent halte ich in München weiter Vorlesungen und treffe Patienten beim Bedside-Teaching, wenn ich mit Studenten zu einzelnen Patienten gehe und mit den Studierenden das jeweilige Krankheitsbild gemeinsam durchgehe. Diese Beschäftigung macht mir weiterhin viel Spaß, und sie ist mir auch wichtig. Jeder hat Fragen zu seiner Haut oder Hautprobleme – die Leute wissen privat wie auch beruflich, dass ich Hautarzt bin, daher hat man immer und überall ,Patienten’. Ich denke, ich habe momentan genau die richtige Mischung aus beiden Bereichen gewählt.

Ich wusste gar nicht, dass man diese Bereiche so gut verbinden kann.
So ging mir das früher auch, aber man kann beruflich wirklich beide Welten gut zusammenbringen, wenn man das möchte. Ich mag meinen Beruf und meine derzeitige Aufgabe sehr. Die Medizin ist im stetigen Wandel, es wird nie langweilig, man steht ständig vor neuen Herausforderungen und die Tätigkeit ist sehr vielfältig. Im Moment habe ich mit ganz unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Interessen, die berücksichtigt werden müssen, zu tun – unter anderem mit Patienten, Studenten, Wissenschaftlern, Ärzten, Betriebswirten, Ökonomen und Kassenvertretern. Genau diese Vielfalt macht es spannend und motiviert jeden Tag aufs Neue. Wichtig ist mir bei allen meinen Aufgaben, dass letztlich immer der Patient im Zentrum steht. Da passt die Roche- Vision perfekt zu mir: „Doing now what patients need next.“

In welchen Bereichen sucht Roche Mediziner als Nachwuchs?
Vor allem Fachärzte sind immer gefragt. Man muss nicht zwingend Facharzt sein, es ist aber in manchen Bereichen förderlich, weil man dann in der Pharmaindustrie mehr Entwicklungsmöglichkeiten hat. Außerdem helfen einem die Erfahrungen, die man in der langjährigen Behandlung von Patienten gesammelt hat bei den meisten Entscheidungen in der Pharmaindustrie weiter.

Sie leiten ein Team von sieben Mitarbeitern. Welche Fragen stellen Sie in einem Vorstellungsgespräch?
Mir geht es vor allem darum, die Bewerber kennenzulernen und ihre Motivation zu verstehen, warum sie sich bei Roche beworben haben und warum sie in diesem Bereich tätig sein wollen. Wichtig ist mir meine Einschätzung, ob die Kandidaten gute Teamplayer sind. Zudem interessiert mich, was sie von mir als potenzielle Führungskraft erwarten. Mir persönlich sind die gute Mitarbeiterführung und die gute Zusammenarbeit innerhalb des Teams und zu anderen Abteilungen sehr wichtig. Das schafft die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

PD Dr. med. habil. Georg Johannes Isbary, Jahrgang 1978, ist Teamlead bei der Roche Pharma AG. Nach dem Medizinstudium in Tübingen, der Promo­tion in Sportmedizin und der Facharztausbildung in der Dermatologie schloss sich der zweifache Familienvater 2014 dem Pharmaunternehmen in Grenzach-Wyhlen an.

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