Wo kein Kläger …

… da kein Richter. Doch in Marias Fall ist ihr Gewissen der permanent aktive Richter, der die Wahrheit über ihre Fehlbarkeit ans Licht bringen möchte. Ein früher Roman über eine junge Frau, deren moralischer Anspruch an sich selbst sich zu einem echten Fallbeil ihres Lebens auswächst.

Gräfin Maria Wolfsberg gerät in eine für junge Aristokratinnen aus dem 19. Jahrhundert typische Situation: Sie hat sich in einen Mann verschaut, der vom Vater abgelehnt wird. Zudem tritt ein anderer auf den Plan, der ganz artig alle offiziellen Instanzen durchläuft, bis er sie fragt, ob er um sie werben dürfe. Es kommt zur Hochzeit, zu der ihr Vater ihr gerne allerlei Rat geben möchte – unter anderem, dass „eheliche Treue“ seitens der Ehemänner etwas anders definiert wird als das der Frauen … Maria ist eine ehrliche Person und denkt sich nicht so viel dabei. Bis sie selbst den Ehebruch begeht und sogar ein Kind daraus entsteht. Ein unsühnbares Vergehen?

Unsuehnbar von Marie Ebner-Eschenbach

Die Kritik

Maria ist eine relativ einfache Figur: Sie ist klug, ruhig und beobachtet ihre Welt aufmerksam. In die Köpfe ihrer Mitmenschen kann sie aber nicht blicken, weswegen sie sich nur zu gut bewusst ist, dass die Informationen, die ihr vorliegen, niemals vollständig sind. Außerdem fürchtet sie sich, wie fast jeder Mensch, vor der Verurteilung anderer Menschen. Insbesondere, wenn diese ihre Achtung errungen haben. Beispielsweise ihr Mann, der durch seine Geduld, seine Zuneigung und seine unterstützende Art ein wichtiger Pfeiler für sie ist. Nie fordert er mehr, als sie bereit ist zu geben – damit ist er sowieso ein besonderes Exemplar seiner Art. Denn in dieser Zeit dürfen Männer Frauen nachstellen, sie ungestraft ins Unglück stürzen, herablassend behandeln, in der Ehe untreu sein gilt für sie als Selbstverständlichkeit. Nichts davon trübt Marias Ehe mit Hermann. Das lässt ihr Vergehen, die kurze Affaire mit Felix, noch schwerer wiegen – aus ihrer Sicht ein unsühnbarer Fehler. Jeder Mann dieser Zeit hätte das einfach durchgewunken, aber Maria geht ziemlich hart mit sich ins Gericht. Am Ende gesteht sie es vor allen Beteiligten, bevor die Familiengeschichte gar vor die Hunde geht (aus ihrer Sicht) und steht zu ihrem Verhalten. Wir haben es also mit einer sehr standhaften und ehrlichen Hauptperson zu tun, die genau weiß, wie sie sich den Umständen entsprechend und ohne Schaden durch den Tumult navigieren könnte – sich aber sehr bewusst dagegen entscheidet und sich damit so verhält, wie es die Herren der damaligen Zeit hätten tun sollen. Ihr größtes Manko ist die Uninformiertheit, mit der man sie hat aufwachsen lassen, eine direkte Kritik an der damaligen Gesellschaft. Die Hauptperson weiß prinzipiell um solches Verhalten und missbilligt es, wie Komtessen einem geeigneten Kandidaten an den Hals geworfen werden und versucht so gut wie möglich, ähnliches Verhalten bei sich selbst zu vermeiden. Das wird dadurch unterstrichen, dass Hermann um sie wirbt, die Hochzeit durch ihren Vater längst abgemachte Sache ist.

Neben dieser direkten Kritik findet sich bei Marie von Ebner-Eschenbach immer wieder sanfter Sarkasmus zwischen den Zeilen, der sowohl erheiternd als auch mahnend wirkt. Sie weiß aus erster Hand, worüber sie schreibt, denn die Autorin gehörte selbst dem Adel an. Mit 49 Jahren absolvierte sie – ungewöhnlicherweise – eine Ausbildung zur Uhrmacherin und gehört damit wohl zu den frühen Vertretern eines „krummen Lebenslaufs“. Anstatt also einfach nur Uhren zu sammeln und auf dem Urteil anderer zu vertrauen, was die Mechanik und den Wert angeht, beschaffte sie sich selbst die fachliche Basis. Diesen Freigeist, diese gewollte Unabhängigkeit und Offenheit gegenüber ihrer Umwelt spürt man auch in der Hauptperson Maria.

Da das Buch bereits 1980 erschien, ist der Schreibstil natürlich etwas komplexer und nicht ganz so einfach wie beispielsweise bei Keyerlings „Fürstinnen“. Dennoch ist der Lesefluss sehr gut, denn die Autorin schreibt pointiert und führt ihren Leser ohne pompöse Sprache genau auf die Information, die sie ihm vermitteln möchte. Ein wenig umständlich wird es nur, als die Hauptperson sich etwas zu sehr in ihre Fehlerhaftigkeit hineinsteigert – dann ringt sie die Hände, klagt ihr Leid dem Wind und gibt ganz die tragische Heldin. Das darf man aber getrost der Zeit zuschreiben, in der die Autorin gelebt und Maria positioniert hat.

Wer sich über die Grenzen von Effi Briest emporheben möchte und gerne anspruchsvollere Literatur liest, die sich mit dem Innenleben der Hauptfigur beschäftigt, sollte sich „Unsühnbar“ unbedingt zu Gemüte führen.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Marie von Ebner-Eschenbach. Unsühnbar.
Manesse. 22,95 Euro.

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