Wasserleichen gesucht

Nach der negativen Presse seines letzten Falles verlebt David Hunter seinen Alltag als Universitätsprofessor in London. Dies ändert sich allerdings schlagartig, als man seine Fähigkeiten als forensischen Anthropologen in den Backwaters benötigt. Neben einer Wasserleiche und weiteren Körperstücken, findet er in dieser unwirtlichen Gegend auch eine unerwartete Liebschaft.

Dr. David Hunters neuester Fall verschlägt ihn in die Backwaters, einem unwirtlichen Mündungsgebiet in Essex. Dort wartet eine stark verweste Männerleiche auf ihn, die allem Anschein nach der Sohn des einflussreichsten Mannes der Gegend ist. Mr. Villiers ist fest von dem Tod seines Sprösslings überzeugt – in David Hunter keimen allerdings bald erste Zweifel auf. Als kurze Zeit später ein Fuß gefunden wird, der eindeutig nicht zu der ersten Leiche passt, erhärtet sich sein Verdacht, dass hier nicht alles so ist, wie es zu sein scheint. Die Einwohner der Backwaters sind eine zerstrittene Gemeinschaft. Gegenseitige Verachtung und Fremdenfeindlichkeit gehören zur Tagesordnung – böses Blut fließt, wohin man auch schaut. David Hunter benötigt viel Ausdauer und Spürsinn, um dieses Geflecht von Anfeindungen zu durchdringen und den Mörder zu fassen. Sein Techtelmechtel mit der ortsansässigen Rachel Darby, deren Schwester vor Kurzem spurlos verschwunden ist, verkompliziert die ganze Sache zusätzlich.

Kompromisslos gut

Simon Beckett lässt seinen Aushängedetektiv nach mehrjähriger Pause wieder an die Arbeit. Dieses Mal stehen Wasserleichen im Mittelpunkt der forensischen Ermittlungen. Bereits auf der ersten Seite wird klar, dass Beckett seine Recherche ernst genommen hat, denn er wartet mit sehr viel Expertenwissen auf und gibt der Handlung dadurch Glaubhaftigkeit. Beim Beschreiben der Prozesse, die nach dem Tod in einem Körper vorgehen, wird der Leser schonungslos mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Niemals wird einem klarer, dass man selbst nur aus Fleisch, Blut und Knochen besteht, als wenn David Hunter erklärt, wie sich eine Leiche in Gewässern nach und nach zersetzt.

Das sumpfige Setting

Die Darstellung der Backwaters und die widrigen Bedingungen, denen die Menschen dort ausgesetzt sind, überzeugen auf voller Linie. Angefangen bei dem wiederkehrenden Rhythmus der Gezeiten, bis hin zu den trostlosen Städtchen, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich haben. Sämtliche Szenen sind stimmig, keine Erklärung überflüssig oder redundant. In diesem Setting liegt auch der Grund für den rauen Charakter der meisten Einwohner. Indem Beckett mit David Hunter einen Stadtmenschen diesen Naturgewalten aussetzt, wird der Leser selbst mit der Frage konfrontiert: Wie würde ich mich in den Backwaters zurecht finden? Das Flussmündungsgebiet wirkt entrückt von unserer Jetzt-Zeit und abgetrennt von dem Alltag, wie wir ihn kennen. Die Handlung findet in einer Art Blase statt – der Welt außerhalb wohl bewusst, aber sie (bis auf wenige Ausnahmen) geflissentlich ignorierend.

Gut Ding braucht Weile

Während die bisherigen Abenteuer von David Hunter durchwegs viel Aktion und Unmengen an Todesopfern forderten, nimmt sich „Totenfang“ die Zeit, seine neuen Charaktere sorgsam einzuführen ohne übereilt zu einer Mörderjagd auszuarten. Die umfangreiche Hintergrundgeschichte der Einwohner wird allmählich aufgedeckt, die Verwandtschaftsverhältnisse fortlaufend beleuchtet. Becketts präzisem Schreibstil ist es zu verdanken, dass sich selbst diese relativ ereignisarmen Passagen des Buches flüssig und interessant lesen. Auf ein großes Massaker am Endes des Buches, wie in vorrangegangen Teilen, verzichtet er jedoch größtenteils – was nicht bedeuten soll, dass wenige Leute sterben. Der Bodycount ist für einen Beckettroman typisch hoch. Doch wohingegen der Autor früher viel Glaubhaftigkeit durch fehlenden Realismus bei den Tötungen eingebüßt hat, überzeugen auch die Abläufe der Morde und die Motive in diesem Roman zur Gänze.

Fazit

Ein Simon Beckett, wie die Leser ihn lieben. Direkt, kompromisslos und gut recherchiert. Einziges Manko: „Totenfang“ mag zwar viele Todesopfer zu beklagen haben – die wenigsten davon lernt der Leser allerdings richtig kennen. Es liegt in der Natur von Wasserleichen, dass sie einige Zeit im Gewässer treiben müssen, bevor man sie findet und einen forensischen Anthropologen für die Obduktion benötigt. Aus diesem Grund weilen beinahe alle im Buch vorkommenden Opfer bereits zu Beginn des Buches nicht mehr unter den Lebenden. „Totenfang“ geht damit eine dramatische Komponente verloren, die im nächsten Teil hoffentlich wieder mehr Beachtung findet.


Alexander Wachter (academicworld.net-user)

Simon Beckett. Totenfang.
rowohlt/Wunderlich. 22,95 Euro.

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