Waidwund

Ein fälschlicherweise beschuldigter Mann muss um Ruf, Rang und Recht kämpfen. Thomas Vinterberg macht aus diesem klassischen Kino-Topos ein hochaktuelles Drama, das mitten ins Herz unserer Gesellschaft zielt: „Die Jagd“, ab 28.3. im Kino.

Lucas (Mads Mikkelsen) wird des Kindesmissbrauches bezichtigt

Witterung

Was ist das schlimmste Verbrechen in der aufgeklärt-westlichen Zivilisation? Politischer Terrorismus? Industrielle Umweltzerstörung? Gar religiöser Fanatismus? Legt man als Messlatte schichtübergreifende Empörung, Verachtung gegenüber den Tätern und Betroffenheitswahn an, gibt es offensichtlich nur eine Antwort: Kindesmissbrauch. Der trifft eine Gesellschaft nämlich dort, wo sie stets am empfindlichsten ist. Bei ihrer Nachkommenschaft. 

Um eben jene kümmert sich Lucas (Mads Mikkelsen) voller Hingabe. Eigentlich ist der Hobbyjäger ein Lehrer, aber nachdem seine Schule in einer dänischen Kleinstadt geschlossen wurde, hat er einen neuen Job im Kindergarten gefunden. Privat geht es nach einer aufreibenden Scheidung langsam aufwärts, der Kontakt zu seinem Teenager-Sohn Marcus (Lasse Fogelstrøm) verbessert sich, und die Aushilfe Nadja (Alexandra Rapaport) zeigt offen Sympathien. Solche empfindet für ihn auch die kleine Klara (Annika Wedderkopp), Tochter seines Freundes Theo (Thomas Bo Larsen). Aus einer spontanen, kindlichen Kränkung heraus erzählt sie jedoch der Kindergartenleiterin, Lucas hätte sich vor ihr entblößt. Damit tritt sie unabsichtlich eine Schmäh-Lawine los, die Lucas komplett unter sich begräbt. Nur sein inzwischen bei ihm eingezogener Sohn sowie ein alter Freund halten noch zu dem Ausgestoßenen.

Pirsch

Verleumdung ist eine Art unsichtbares Schwert. Es tötet scheinbar nur die gesellschaftliche Reputation, zerstört in Wirklichkeit aber den Verdächtigten in seiner sozialen Selbstverständlichkeit. Nicht von ungefähr heißt es Rufmord. Regisseur und Drehbuchautor (zusammen mit Tobias Lindholm) Thomas Vinterberg seziert dieses Phänomen in seiner ganzen Vielschichtigkeit, ohne zu verurteilen oder moralisch Position zu beziehen. Von Beginn an stellt er klar, dass Lucas unschuldig ist. Als moderner, kultiviert-gebildeter Mann kommt er aufgrund seiner besonnenen Art bestens bei Nachbarn wie Kollegen an, ist gesellig unter seinen Jagdkumpanen und ausgelassen unter den Kindergartenkindern. Seine Integration in die Dorfgemeinschaft scheint perfekt.

Lucas` Freundeskreis wiederum besteht aus bürgerlichen Mittelklassefamilien, allesamt seriös, nett, zuverlässig. Bis… tja, bis sie einem Kind, das so putzig das Näslein rümpfen kann, mehr glauben als einem zuvor unbescholtenen Erwachsenen. Doch selbst Klara kann eigentlich keine Schuld zugewiesen werden. Dafür ist sie zu jung, zu verunsichert von dem schnellen Blick auf Internetpornos ihres pubertierenden Bruders, zu verwirrt von den Streitereien zwischen ihren Eltern, weshalb sie die Nähe des ruhigen Lucas und dessen Hund Fanny sucht. Sie ist der Auslöser, freilich kein Täter, wie ohnehin kein rechter Täter ausgemacht werden kann. Nur ein definitives Opfer: Lucas.

Mads Mikkelsen, der für diese Rolle im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2012 mit dem Preis als Bester Darsteller ausgezeichnet wurde, liefert eine brillante Vorstellung. Sein hochsensibles Gesicht läßt unter der Oberfläche des zivilisierten Mannes Abgründe an Verzweiflung ahnen, immer wieder in distinguierte mimische Bahnen abgelenkt und doch so qualvoll wie eine offene Wunde. Der Schmerz der Abweisung, potenziert vom Verrat der Freunde, läßt ihn lange vor seinem emotionalen Ausbruch im Innern implodieren.

Die (Hexen-)Jagd beginnt

Kesseltreiben

„Die Jagd“ zeigt mit schockierender Präzision, wie ein Wort, ebenso falsch gesagt wie verstanden, zu einem Flächenbrand des Misstrauens führt. Argwohn schlägt in Angst um, der Verstand der Menschen wird von heftigen Emotionen unterspült, die rationale Urteilskraft setzt zugunsten wilder Mutmaßung aus. Bevor Lucas auch nur die Möglichkeit zur Verteidigung bekommt, haben sich die Leute längst ihre Meinung über ihn gebildet. Damit ist jeglicher Kommunikation die Grundlage entzogen. Als er das private Gespräch mit Theo sucht, wird er des Hauses verwiesen; später verliert er seinen Job, wird aus dem Supermarkt geworfen, verprügelt, man tötet seinen Hund. Was zunächst ’nur’ üble Nachrede war, nimmt Züge einer fanatischen Hexenjagd an. 

Von solch reaktionärer Ungeheuerlichkeit, die innerhalb zweier kurzer Monate das Leben eines Mannes fundamental zerstört, wird dramaturgisch völlig unaufgeregt, gleichwohl höchst eindringlich erzählt. Kamerafrau Charlotte Bruus Christensen findet ruhige, besonnene Bilder, die mit ihrer Konzentration auf Figuren und Gesichter die Geschichte dort verorten, wo sie stattfindet. Nicht in der Außenwelt, sondern allein im Kopf der Leute. Wie schnell ist die Grenze von Entrüstung zur Selbstgerechtigkeit überschritten, wie schnell ein Verdacht zum Fakt erhoben. Als hätte es die Ideale der Aufklärung nie gegeben. 

Fangschuss

Die Bezichtigung wird zur Verdächtigung, die Beschimpfung zur Erniedrigung, die Schmähung zur Verfolgung – so hat schon jede historische Menschenhatz begonnen. Das schwingt als beklemmender Subtext von „Die Jagd“ mit, lenkt den Film aber nicht von seiner scharfsichtigen Beobachtung jener alltäglichen Mechanismen ab, die aus (Gut-)Menschen Ankläger macht. Nach etwas Imposantem wie Schuld wird nicht gesucht, dafür nach etwas weniger Aufsehenerregendem, nämlich nach Verantwortung. Diese liegt in den kleinen, zwischenmenschlichen Momenten, etwa wenn Klara mit der Wahrheit herausrückt und ihr Verdrängung eingeredet wird, wenn Lucas sich verteidigen will und niemand ihm zuhört, wenn sein Sohn Hilfe von Nachbarn sucht und zurückgewiesen wird. 

Bei aller gesellschaftlichen Brisanz ist „Die Jagd“ auch ein Männerdrama. Emanzipation im Kino bedeutet nicht, Frauen eine Knarre in die Hand zu drücken, sondern Männer in die soziale Pflicht zu nehmen. Trotz betroffenheitsseliger Kindergärtnerinnen und überreizter Ehefrauen sind es hier primär die Männer, die sich aufgrund von haltlos anmaßender Wut und gleichzeitigen Ohnmachtsgefühlen in die Hysterie der Denunzation verrennen. Sie schließen Lucas aus ihren Familien-/Freundes-/Jagd-Runden aus und mutieren zu ihre Brut beschützende Hyänen. Insofern müssen auch sie daran arbeiten, wieder zu Menschen zu werden, die verzeihen. Sich und anderen. 

Trotzdem fällt am Ende ein Schuss – wo Rauch ist, muss noch lange kein Feuer sein. Aber Argwohn wird dort immer bleiben.


Die Jagd
Regie: Thomas Vinterberg
Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsson, Susse Wold, Alexandra Rapaport, Annika Wedderkopp

Kinostart: 28. März 2013

Verleih: Wild Bunch Germany

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