Vorgetäuschter Erasmus

Es regnet. Das tut es doch sonst nicht. Erasmus, das klingt nach Strand, Hauspartys, billigem Rausch, Geschlechtsverkehr, Kiffen, Selbstfindung, langen sonnigen Tagen im Park Guel.
So ist es vielleicht auch, wenn man Erasmus in Barcelona macht. Bestimmt sogar.
Ich bin in London, und da regnet es.

           von Theresa H., im Moment London, sonst meist München


Vor eineinhalb Jahren machte ich mich an den wunderbaren Erasmus-Bewerbungs-Papierberg, der gar nicht so schlimm ist, wie einem immer vorgehalten wird. Aber früh anfangen, das sollte man tatsächlich. Um den richtigen Ort zu finden, und Finanzierungsmöglichkeiten.

Das mit dem Ort hat mein Institut ziemlich schnell für mich entschieden. Mein Hauptfach gibts in London und Paris, vielleicht weil sich meine Koordinatoren dachten, das sind die Städte in Europa, die am einfachsten zu finanzieren sind, oder wenn sie uns recht viel weiter als 1000 Kilometer wegschicken, dann kommen wir nicht mehr zurück und vergessen das Institut über irgendwelche ehrgeizigen Projekte, oder vielleicht hatten sie Angst, wir kriegen einen Kulturschock, weil die Welt nicht so ist wie im Spanien Don Quijotes oder weil man dann in ein Land müsste, in das die Römer nicht vorgedrungen sind, und das kann man unseren zarten Cicero Köpfchen ja nicht zumuten, oder was weiss ich.

Nach Paris wollte ich nicht, und ich hatte meine Gründe. Zum einen hatte mir meine Dozentin, noch keine dreißig, einschüchternd allwissend, freundlich und sehr ehrlich, sanft von Paris abgeraten („Ja, wir haben Kooperationen mit dem King’s College oder mit der Sorbonne IV. Ich war an der Sorbonne IV. Gehen Sie da nicht hin.“).

Königreich für ein Jahr: Auslandssemester in London

Paris oder London? C’mon …

Zum anderen war mir Paris seit meinem ersten und einzigen Parisbesuch nach dem Abitur wahnsinnig anonym vorgekommen, und außerdem schlecht gelaunt: Mein damaliger Freund und ich waren mit dem Auto nach Paris reingefahren, ganz schön blöd, aber da hat man wenigstens was zu erzählen danach, das Essen war zu teuer und dann war die Zentralverriegelung vom Golf meiner Eltern kaputt. Ein wunderbarer blauer Dreier-Golf mit ganz viel Charakter, der beschloss, wir sollten unsere Streitereien jetzt draußen in der prallen Sonne austragen, die 37 Grad würden unserer Beziehung bestimmt gut tun. Am Ende hatte ich den Golf lieber als meinen Freund, und sagen wir so, Paris ist mir nicht in besonders guter Erinnerung geblieben. Das ist zwar ein sehr subjektives Kriterium, aber irgendwie muss man seine Entscheidungen ja auch fällen, und alles kann man nicht toll finden, das tun nur Leute mit dem Grand-Prix-der-Volksmusik-Syndrom.

London dacht‘ ich also, und London wurde es. Ich komme zwei Wochen vor Unibeginn im September an, einen Tag vor der Einschreibung. Sonntag Mittag stehe ich also in Heathrow voller naiv-süddeutschem Tatendrang, lächle wie eine Irre jeden an, der mir über den Weg läuft, ich drehe den Kopf und staune, und mein logistisch ausgeklügelter Gepäckberg verselbständigt sich permanent. Die große ungemein praktische Reisetasche meiner Eltern rutscht vom noch viel praktischeren Rollkoffer meiner Eltern, aber kaum habe ich sie wieder raufbugsiert, lockert sich der Riemen meiner sexy Laptop-Werbegschenktasche, die von meiner rechten Schulter baumelt, und als ich den Riemen mit der linken Hand wieder festzurren will, fällt mir die Posterrolle runter, die ich unter dem linken Arm eingeklemmt hatte, und entscheidet sich dafür, den leicht abgesenkten Flughafenboden zu erkunden. Da sich die Prozedur ungefähr dreimal wiederholt, dauert es seine Zeit bis ich endlich der U-Bahn sitze. 

Die „Tube“ scheint mir das klügste Transportmittel in Richtung „The Smoke“, vergleichsweise billig und wie lang können eineinhalb Stunden U-Bahnfahrtschon sein? Sehr lang. Als ich an der Victoria Station umsteigen muss, muss ich erst einmal feststellen, dass London die behindertenungerechteste Stadt Europas ist, oder vielleicht Großbritanniens, und mit Gepäck hat man dementsprechend wenig Glück. 

An der London Bridge steige ich aus der U-Bahn und hätte um ein Haar das Poster vergessen, ich schreie „Bob“ und kriege es gerade noch zu fassen, und als ich bei meinem Studentenwohnheim ankomme bin ich schweißgebadet und total am Ende.

Nach dem Umzug ist vor dem Umzug …

Das Wohnheim scheint okay, ein riesiges 60er Jahre Hochhaus, mein Zimmer ist im 10. Stock, pro Stockwerk teilen sich 14 Leute eine Küche. Fein, denke ich gut gelaunt, und dann stellt sich heraus das zehn meiner potentiellen Mitbewohnerinnen Schwesternschülerinnen vom Medizincampus sind, das ist auch okay, aber sie haben aufgeklebte Wimpern und stolzieren mit High Heels durch die Küche und ich weiß, obwohl sie sehr nett zu mir sind, dass ich hier kein Jahr wohnen kann. 

Nach einer Woche im begehrten Wohnheim an der London Bridge tausche ich mit minimalem, knapp 24 Stunden andauernden bürokratischem Aufwand mein Zimmer mit einer Thailänderin, die mir dafür ihr Zimmer in Hampstead, einem Vorort im Norden überlässt.

Der Umzug gestaltet sich als ziemlich strapaziös, denn zu meiner Posterrolle haben sich noch ein Wäscheständer, Kleiderbügel und Geschirr gesellt, das will alles mitgeschleppt werden, und umziehen in der Tube ist besser als jeder Abenteuerurlaub. Hinzu kommt noch, dass die Thailänderin und ich uns nicht verstehen, also, nicht seelisch oder so, sondern rein sprachlich. Ich bin sicher, ihr Englisch ist perfekt, aber ihr Tonfall ist so ungewohnt, dass es sich für mich immer noch anhört, als würde sie Thai sprechen. Zu meiner Beruhigung scheint sie mich genauso wenig zu verstehen. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen, und lächeln und nicken viel. Aber als wir das dritte Mal mit unserem Zeug die Wegstrecke London-Bridge-Hampstead zurücklegen, passiert ein kleines Wunder, denn sie sieht mich an und sagt ganz laut und deutlich nur einen einzigen Satz: „I think here is less pollution“. Das haut mich um.

Ich traue mich im neuen Wohnheim Abends noch ganz kurz in die Küche, obwohl ich kurz vorm zusammenbrechen bin, weil ich Mitbewohner schnuppern will. Hier teilt man sich eine kleine Küche zu zwanzigst, aber das nehme ich gerne in Kauf, denn als ich reinkomme und mir nur noch ein müdes Lächeln abringen kann, grinst mich ein Italiener an und deutet auf meine uralten Assi-Jogging-Hosen und sagt: „Eh, you have the right pants to live here!“ Erst da bemerke ich, dass er eine nicht minder peinliche Trainingshose trägt, die schon ganz dünn und ausgewaschen ist, und ich fühle mich sofort zu Hause.

London, Epizentrum der Freundlichkeit und Toleranz. Aber dass Straßenarbeiter obszöne Gesten machen müssen, ist einfach zu tief verwurzelt in ihren schmutzigen kleinen Seelen.

Multikulturelle Mitbewohner wie aus dem Katalog geschnitten

Alle meine Mitbewohner sind Erasmus-Studenten oder internationale Stipendiaten in ihrem Master. Das ist toll, denn wir haben drei Inder, die für uns echt indisch kochen, und ein paar Chinesen, die schon morgens meine Müslischüssel mit lecker Rindfleischaroma versetzen, und Luca und Gianni, zwei Italiener, die so italienisch sind wie das Wort Cazzo, dass sie überstrapazieren, ein paar Deutsche und eine Amerikanerin und eine Bulgarin und und und. Noch nie habe ich so viele unterschiedliche und interessante Menschen samt peinlicher Schlafanzughosen auf einem Haufen kennen gelernt.

Mit den Einheimischen ist es schwerer, aber das habe ich schon von so vielen Erasmus-Leuten gehört, dass es mich nicht wirklich beunruhigt. Klar, bei sich selber denkt man immer „Ich mache dann nur was mit Engländern“, aber das ist echt gar nicht so leicht. Bis man in der Uni mal in die Gruppen reinkommt, und sich dann ein paar nette Menschen rausgesucht hat, das dauert. 

Erst im Januar kann ich sagen, dass ich englische Freunde habe, auch nicht viele, aber dafür sehr nette. Mein englischer Tandem-Partner heißt Tom, er studiert Germanistik und ich mag ihn wahnsinnig gern, vor allem, weil er unsere Tandem-Treffen anfangs immer nach einer halben Stunde abbricht und mir vorschlägt, in einen Pub zu gehen. Nach ein paar Wochen brauchen wir den Vorwand anscheinend nicht mehr und treffen uns gleich um drei Uhr nachmittags in Shoreditch oder in Euston zum „Sprechen üben“, aber eigentlich grantel ich nur auf bayerisch über das Bier, und Tom lacht sich kaputt und bringt mir den Slang einer „Northern Fairy“ bei, und um halb sieben Uhr Abends sitze ich fröhlich und betrunken mit Londons hart arbeitender Bevölkerung in der Tube nach Hause.

Die Uni in England kann man, ehrlich gesagt, vergessen. Ich habe vier Veranstaltungen die Woche, und in denen bin ich auch anwesend, aber mehr nicht, zum Lernen bin ich zu beschäftigt. Anfang März besucht mich meine Mitbewohnerin, und ich bin stolz darauf, dass ich ihr englische Sitten und Menschen vorstellen kann, und Drehorte von der Sherlock-Produktion zeigen, die ich, seit ich in England bin, nur noch mehr liebe.

One pint of VOMIT, please!

Abends im Pub passiert uns dann ein Fauxpas. Statt normalem, schalem Ale, kaufen wir uns ein spezielles Bier mit 14 Prozent, das so ähnlich heißt wie Mads Mikkelsen und auch so schmeckt: Furchteinflößend. Wir trinken jeder ein half Pint, also eine halbe halbe, und mein Magen rebelliert schon in dem Moment, als er das Glas sieht. Auf dem Heimweg halte ich mich einigermaßen tapfer, bis wir in den Bus steigen, und ich mache Karina unmissverständlich klar, dass wir jetzt ganz schnell aussteigen müssen. Sie tut so, als würde sie mir die Haare halten, die ziemlich kurz sind, und schmeißt sich vor Lachen weg über diesen Witz, und ich muss mitlachen aber das ist keine gute Idee, und mir ist ganz elend. Wenn man irgendetwas nicht ausprobiert haben muss in London, dann dieses Bier.

Wenn ich meinen Londonaufenthalt in einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es wahrscheinlich: Groß. London ist so groß! Besonders, wenn man aus einer Bullerbü-Stadt wie München kommt, wo man zum Beispiel sein Radl unabgesperrt am Sendlinger Tor stehen lassen kann, und es ist immer noch da, wenn man wieder kommt. (Das mag vielleicht aber auch nur daran liegen, dass ich das irrsinnig hässliche Mountainbike eines zwölfjährigen habe, auffallend blau und ein Freund von mir sagt immer, das ist so peinlich, das stiehlt einfach keiner.)

Groß und nett: London, der freundliche Riese

Aber zurück zu London: Die Stadt ist so groß, dass man zwei bis drei Stunden täglich in der U-Bahn verbringt, das Bier so teuer, dass die jungen Leute wie selbstverständlich in Clubs zu MDMA greifen, der Süden so arm, dass einem die Einkäufe aus der Tüte geklaut werden, wenn man grade mal nicht hinschaut, und Kensington und Little Venice so reich, dass man vor lauter Fassungslosigkeit Steine gegen die Scheiben schmeißen möchte. Wahrscheinlich würden die aber abprallen, weil das alles so surreal ist.

Vor allem aber sind die Menschen nett. Einfach nur nett. Und höflich. Vielleicht denkt man das auch immer, wenn man von zu Hause weg ist, und einen der deutsche Grant eh ein bissl genervt hat, und dann fällt es einem besonders auf. Aber es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit „Young Lady“ angeredet werde, und wenn ich am Anfang nach dem Weg gefragt habe, und jemand war sich nicht sicher, dann durfte ich auf keinen Fall einfach losgehen, bis mir nicht hundertprozentig die richtige Richtung gewiesen wurde, selbst wenn dazu noch zwei Fremde samt I-Phone zu Rate gezogen werden mussten.

Klar, London ist verdammt teuer, und Robbie Williams ist fett geworden, und die Queen antwortet nicht auf meine Anrufe, aber das ist vielleicht auch besser so, und die Engländer essen so salzlos, dass ich mir jedesmal denke, vielleicht sind sie nur so höflich und lieb, weil sie gar kein Salz haben, dass sie in etwaige Wunden streuen könnten.

Aber der Aufwand, der finanzielle, der bürokratische und der seelische, ein Jahr mit ERASMUS ins europäische Ausland zu gehen, lohnt sich, und wenn man sich dann auch noch auf zu Hause freut, und trotzdem nie wieder weg will, umso besser. Neulich habe ich meiner WG in München eine Postkarte mit einem krebsroten William und einem krebsroten Harry in grünen Galauniformen geschickt. Man sieht ganz genau, dass sie davor irgendwo im Urlaub waren, weil sie einfach so verbrannt und englisch aussehen, aber es ist ihnen scheißegal, und sie grinsen in die Kamera. 

So muss man sein Erasmus-Jahr glaub ich auch sehen: Sich verbrennen und trotzdem fotografieren lassen.

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