Von riesigen Zwergen und Prinzen in Unterhosen

Schneewittchen hat aktuell Hochkonjunktur. Gleich zwei Film (Snow White & the Huntsman und Spieglein, Spieglein) sowie eine Serie (Once upon a time) nehmen die junge Frau mit der bösen Stiefmutter und dem kleinwüchsigen Freundeskreis in den Fokus. Die opulenteste und sich am wenigsten ernst nehmende Version ist auf jeden Fall die von Tarsem Singh. Ab 04. Oktober gibt es „Spieglein, Spieglein“ mit Julia Roberts als missverstandene böse Königin auf Blu-ray und DVD.

Von riesigen Zwergen und Prinzen in Unterhosen
7 Zwerge (links), 1 böse Stiefmutter (rechts) – die Grundzutaten sind vorhanden. © Studiocanal

Schneewittchen ohne Biss?

Schon allein, dass der Biss in den vergifteten Apfel am Ende ausbleibt zeigt, dass „Spieglein, Spieglein“ den allseits Bekannten Schneewittchen-Mythos zwar aufgreift, sich aber nicht auf die Reproduktion dessen beschränkt. Das junge Ding (Lily Collins) wird hier anfangs vor allem durch die eigene Unsicherheit gefangen gehalten. Als sie aber einen Schritt hinaus in die Welt tut, erkennt sie diese kaum wieder. Die Menschen tanzen und singen nicht mehr, weil die Steuerlast sie niederdrückt. Schließlich gibt es die Beautybehandlungen für die Königin (Julia Roberts) nicht umsonst. Um das Königreich vor dem Ruin zu bewahren bleibt eigentlich nur noch eine reiche Heirat. Zu dumm, dass der passende Prinz (Armie Hammer) zwar auftaucht, aber mehr gefallen an der Stieftochter findet. Erst dadurch kommt der Gedanke auf, sich des Mädchens zu entledigen.

Statt dem Jägersmann, der ihr das Herz aus dem Leib schneiden soll, plant Singhs Königin, die Kleine einem ominösen Monster im Wald zum Fraß vorzuwerfen. Unglücklicherweise kommt es nicht dazu und Schneewittchen steigt zum Räuberhauptmann der auf Stelzen durch den Wald wieselnden Zwerge auf. Wobei diese aber – man muss schließlich immer gutherzige Unschuld bleiben – vom eigennützigen Diebeshaufen zu einer Art Robin Hood-Combo werden. Doch der Showdown mit Prinz und böser Stiefmutter und Monster bleibt nicht aus.

Von riesigen Zwergen und Prinzen in Unterhosen
So sehen Hochzeiten bei Tarsem Singh aus.

Perspektivwechsel

Den Auftakt in die altbekannte Geschichte findet Regisseur Tarsem Singh zum einen in einem Perspektivwechsel – die böse Stiefmutter will ihre Version erzählen – und zum anderen in einer stark verfremdeten Optik. Alles bis zum Einsetzen der Filmhandlung wird in einer Mischung aus surrealem Puppentheater und Animationsfilm über die Kristallkugel der bösen Königin gezeigt. Hier noch eher farbneutral steigert sich der Film später in einen Singh’schen Farbrausch. So wenig ernsthaft wie die überbordenden Kostüme ist dabei meist auch die Handlung. Charmante Running Gags wie der Prinz in Unterhosen oder die Zwerge als Wegelagerer auf Stelzen geben dem filmischen Geschehen die Leichtigkeit, die es braucht, um sich vom zeitgleich fürs Heimkino veröffentlichten „Snow White & the Huntsman“ abzuheben. Wo man dort nach dem vermeintlich harten Realismus sucht, ergeht man sich hier in fantastischer Spinnerei. Dem märchenhaften Stoff durchaus angemessen. Fast hat man den Eindruck Singh habe sich optisch an der Realverfilmung des Disney-Klassikers versucht.

Von riesigen Zwergen und Prinzen in Unterhosen

Leider hüben wie drüben nur bedingt überzeugend: die jungen Damen mit dem Haar so schwarz wie Ebenholz. Während Kirsten Stewart schon bei der Frage nach der Schönsten im ganzen Land Zweifel aufkommen lässt, erscheint Lily Collins (die Tochter von Sänger Phil) zwar reichlich entzückend, hat in der Rolle aber die meiste Zeit wenig Gestaltungsspielraum um mehr zu sein als das naive hilflose Kindchen. Dafür überzeugen Julia Roberts und Armie Hammer. Nicht nur für Märchenfreunde einen Blick wert.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Spieglein, Spieglein (Mirror, Mirror)

Regie: Tarsem Singh
Darsteller: Julia Roberts, Lily Collins, Armie Hammer

Im Verleih von Studiocanal  

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