Vom Winde verweht

Regisseur Peter Hedges bringt eine gewagte Idee auf die Leinwände unserer Kinos. Ein märchenhaft fiktives Drehbuch erzählt mit dem Charakter einer modernen Kino-Komödie die surreal schöne und zugleich tragische Geschichte einer amerikanischen Familie. Dass es sich dabei um eine Walt Disney Produktion handelt, gibt dem Film den restlichen Tick Mythos. „Das wundersame Leben des Timothy Green“, ab 6.Juni im Kino, schickt Zuschauer auf die Reise in eine wunderbare Welt …

Die emotionale Kraft des Paares (Jennifer Garner und Jod Edgerton) und ihr Zusammenhalt sind die idealen Eigenschaften, welche Märchenkind Timothy (Cameron C.J. Adams) benötigt.

Das sympathische Paar Cindy und Jim Green, gespielt von Jennifer Garner und Joel Edgerton wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Als sie vom Arzt erfahren, nicht in der Lage dazu zu sein, Eltern zu werden, bricht für beide eine Welt zusammen. In einer durch Frustration, Trauer und Wahnsinn ausgelösten Handlung, beginnen sie eines Abends die scheinbar unmöglich realisierbaren Eigenschaften ihres Wunschkindes auf Zetteln zu schreiben und diese symbolisch im Garten zu vergraben. In jener Nacht passiert schließlich das Wunder, auf welchem die gesamte Handlung des Films basiert. Timothy, ein etwa zehnjähriger Bub, gespielt von Cameron C.J. Adams, taucht urplötzlich im Haus des Paares auf. Das wilde Gewitter in dieser Nacht scheint das illusorische Auftauchen zu beeinflussen.

 Dem Glück kaum trauen zu wollen, nimmt sich das Paar dem Kind an. Rasch werden die drei Hauptdarsteller zu einer normalen Familie. Genauso schnell wird klar, dass Protagonist Timothy kein normaler Junge ist, nicht zuletzt deswegen, weil ihm einzelne Blätter an den Beinen wachsen. Der Junge, einer Märchenfigur ähnlich, stellt die Eltern vor unerwartet schwierige Herausforderungen, welche zunächst von der Euphorie des Geschehenen geblendet werden. Jene wundersame Art des plötzlichen Daseins Timothys, ist die, welche schließlich für das tragische und unerwartete Ende des Glücks sorgt.

Niemals Aufgeben

Der durch simple Mittel konzipierte Film mit seiner Handlung voller Romanze und Poesie, hebt sich von der digitalen, actionreichen Blockbuster Kinowelt ab. Vor allem die Besetzung von Cindy und Jim Green verdient Lob. Optimal verkörpern Jennifer Garner und Jod Edgerton die Rolle des noch jugendlich wirkenden, naiven und verliebten Paares mit großem Herz. Gerade deswegen schaffen sie es, dass der Zuschauer unumgängliche Empathie geradezu empfinden muss. Auch Protagonist Cameron C.J. Adams erfüllt das Bild des Wunderkinds Timothy Green erstklassig. 

Vater Jim, ein einfacher Fabrik Arbeiter,  taucht immer wieder als Antreiber in schweren Momenten und kritischen Situationen auf. Er ist es, der das Paar trotz allem am Traum vom Kind festhalten lässt. Genauso stärkt er später seinen Sohn in den alltäglichen Konflikten und Krisen. Mutter Cindy macht vor allem durch hemmungslose Liebe ihrer Familie gegenüber sowie dem naiv euphorischen Umgang mit den neuen Lebensumständen auf sich aufmerksam. Die emotionale Kraft des Paares und ihr Zusammenhalt sind die idealen Eigenschaften, welche Märchenkind Timothy benötigt.

Regisseur Peter Hedges nutzt die Möglichkeit zur freien Fiktion im Rahmen einer realen Welt im 21.Jahrhundert, um die Handlung durch ihre Fantasie spannend und aufregend zu gestalten. Die Mischung dieser Komponenten finden sich im Charakter des Protagonisten Timothy wieder: Einerseits ein normaler, kommunikativer, für sein Alter recht reifer und intelligenter Bub. Auf der anderen Seite, der mit Blättern bestückte und sonnenanbetende Fantasy-Charakter, der jedem durch höhere Kräfte voraus zu sein scheint.

 Der Film gibt sich der Fiktion völlig hin. Das Zusammenspiel von absolut realer Welt mit irrealen, märchenhaften Handlungsabschnitten wirkt jedoch oft plump und heterogen. Nicht selten wünscht man sich eine Entscheidung des Regisseurs: Entweder ganz oder garnicht.

Sehr treffend auserwählt ist hingegen die Umgebung und Landschaft des Streifens. Das von Wald umgebene, mystische Haus, bereits verwendet in Rob Zombies „Halloween II“, bietet authentische Rahmenbedingungen für eine glaubhafte Welt voller Wunder. Der Regisseur, für Komödien wie „ Dan – Mitten im Leben!“ (2007) bekannt, übernimmt sowohl Drehbuch als auch Regie.

Treiben lassen

Viele Szenen aus „Das wundersame Leben des Timothy Green“ sind in ihrer beabsichtigten Schönheit und Romantik mit Sicherheit nett anzusehen, und sehenswert dargestellt. Doch genau dieser unbedingte Wille zur märchenhaften Poesie wirkt oftmals ermüdend.

Die große Gabe Timothys, Mitmenschen grenzenlos zu begeistern, charakterisiert den Hauptdarsteller wohl am besten. Dank ihm kann Onkel Bub in seinen letzten Momenten im Sterbebett lachen. Er bringt die Eltern dazu, einen Bleistift zu produzieren, der schließlich die Bleistift-Firma, in der Jim angestellt ist, retten soll. Die Besonderheit des Jungen wird auch bestärkt, als er Cindy’s Chefin portraitiert. Seine Zeichnung gleicht der eines professionellen Künstlers. All diese Tatsachen sollen die Einzigartigkeit Timothys zeigen. Jedoch füllt diese Struktur den Film letzten Endes zu sehr aus. Handlungen und Momente drum herum wirken blass.

Mutmaßung

Die etwas andere Komödie von Peter Hedges punktet durch den Mut, sich von der Masse unterscheiden zu wollen. Emotionen und Gefühle werden in all Ihrer Bandbreite durch sehr gute schauspielerische Leistung gezeigt. Die Darstellung, wie nah Trauer und Glück, Aufgeben und neu Anfangen oder Leben und Tod beieinander liegen können, berühren. Sowohl Kinder ab 6 Jahren, als auch alle anderen Altersklassen können sich von diesem Film angesprochen fühlen. 

Wer jedoch atemberaubend spannende Szenen, Nervenkitzel oder Blockbuster-Atmosphäre sucht, sollte „Das wundersame Leben des Timothy Green“ einem anderen Publikum überlassen.

(Lucas Sauter Orengo)


„Das wundersame Leben des Timothy Green“
Regie: Peter Hedges
Darsteller: Jennifer Garner, Joel Edgerton, Cameron C. J. Adams

Kinostart: 6.Juni 

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