Vertrau mir bitte!

Die Zahlen sind überschaubar: Sechs Engländer treffen sich an einem Ort – Florida – zum ersten Mal. Sie treffen eine Mutter mit einer geistig benachteiligten Tochter. Die lebt bald nicht mehr – und damit gibt es leider einen Mörder zu viel.

Doch die Frage ist und bleibt – wer ist der Mörder? Zurück in England machen sich die drei Paare an ihren Alltag. Ob als Teilzeitsekretärin, verzweifelter Handelsvertreter, Bauunternehmer oder gelangweilte Hausfrau. Was sie für immer eint, ist der Todesfall von Amber-Marie Wilson, sodass sie auch nach dem Urlaub in den Staaten miteinander in Kontakt bleiben. Das ist ganz praktisch so, denn so tauschen sie sich immer wieder zu den neuesten Entwicklungen des Falls aus – und halten damit auch den Mörder auf dem Laufenden. Denn dass dieser sich unter den sechs befindet, ist von Anfang an klar.

Dann verschwindet in England ein Mädchen, ebenfalls geistig benachteiligt. Die britische Polizei mischt sich ein und eine junge Trainee Constable nimmt die Witterung auf. Sie verbeißt sich in den beiden Fällen und stößt auf ein Netz unfassbar kleiner, aber zahlreicher Lügen. Wer deckt hier eigentlich wen?

Die Kritik

Wenn ein Lee Child auf der Rückseite des Buchs erklärt, dieser Autor sei der Beste der englischen Literatur, dann ist das schon mal ein Hammer-Kompliment. Kann ich ihm Recht geben? Ein bisschen ja, ein bisschen nein. Zum einen, weil ich quasi Fan von Lee Child bin. Dann aber ist der werte Herr Billingham sehr talentiert: Der Leser weiß genau, was beim Verbrechen geschehen ist. Die sind geradezu normal, banal fast schon. Sie rücken in den Hintergrund, während der Autor die Verdächtigen in den Vordergrund spielt: Er nimmt uns mit auf eine Tour, während der wir jeden einzelnen Charakter auseinander nehmen, geradezu intim beobachten.

Zwischendrin streut er Kapitel aus der ich-Perspektive ein, in denen der Täter seine Sichtweise wiedergibt. Manchmal möchte man sich daraus ein Indiz ablesen und vergleicht es mit den bisher gemachten Beobachtungen. So richtig kommt man aber nicht zu dem Schluss, den das Buch letztendlich nimmt.

Es ist kein Krimi, wie sie heutzutage so weit verbreitet sind. Es gibt keine nennenswerte Spannungskurve bei der Handlung – abgesehen davon, dass man endlich Bescheid wissen möchte. Die Auflösung kommt in zwei Schritten. Die erste kommt ein bisschen plötzlich (aus der Handlung gesehen), die zweite macht, dass das alles plötzlich einen Sinn ergibt.

Das Fazit: Das kann diesmal nicht so einfach gefällt werden. Mir gefiel das Buch, dennoch gilt: Wer einen schnellen Krimi lesen möchte und sich gerne mal im Café hinsetzt, um Menschen inefach zu beobachten – der kommt hier auf seine Kosten. Wer Psychopathen und möglichst blutrünstige Morde, Komplotte und Intrigen sucht, kommt nicht weit.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Mark Billingham. Die Lügen der anderen.
Heyne Verlag. 9,99 Euro.

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