Tick, tick, tick …

Arianna führt ein gutes Leben an der Seite ihres Ehemanns Giulio. Sie muss nicht arbeiten und lebt in einem luxuriösen Umfeld. Ein anderes Leben könnte sie nicht führen. Denn auch wenn sie wie eine normale Person erscheint, innerlich liegt da einiges im Argen …

Tick, tick, tick …

Arianna hat einen besonderen kindlichen Charme, den Giulio so anziehend findet. Er verliebt sich, die beiden heiraten. Das Eheleben hält eine kleine Besonderheit für Arianna bereit: Durch einen Autounfall hat er seine Männlichkeit verloren. Um Ihr Verlangen zu stillen, darf sie quasi fremdgehen – wenn die Männer da einige bestimmte Regeln einhalten. 

Soweit beschreibt das auch der Klappentext. Was dort leider nicht herauskommt ist, dass es sich beim Inhalt weniger um das aktuelle Sexualleben von Arianna handelt. Vielmehr geht es um ihre komplette Person, also wie sie herangewachsen ist, welche Ereignisse sie auf welche Weise geprägt haben. 

Bei einer ihrer Affären bricht der Mann die Regeln. Prompt entwickelt sich die Geschichte in eine gefährliche Richtung und allmählich läuft alles aus dem Ruder. Liegt das nun daran, dass der Mann die Regeln gebrochen hat? Dann wäre er Schuld an den brutalen Konsequenzen, die vor allem ihn treffen. Oder dienten die Regeln, die schließlich Giulio erstellt hat, eher dazu, die Männer vor Arianna zu schützen? Denn sie ist diejenige, von der die Folgen des Regelbruchs ausgehen. Wer ist verantwortlich, beziehungsweise für die Vorfälle zur Verantwortung zu ziehen?

Quo vadis

Das Buch erzählt keine Story, die nach einem gewissen Handlungsverlauf in einer Spannungskurve auf ein definitives Ende zuläuft. Vielmehr ist sie ein Ausschnitt aus dem Leben von Arianna. Da fragt sich der Leser: Worauf will der Autor hinaus? Ein wirkliches Ziel in ihrem Leben erreicht die Hauptperson nicht. Der Schlüssel muss also im Verlauf liegen. Da wären wir wieder bei den Fragen rund um die Regeln der Affären angekommen. Diese lassen sich bis in die Unendlichkeit interpretieren. Am Ende muss jede Person selbst wissen, welchen Standpunkt sie einnimmt.

Außerdem: Steht Arianna für die Generation, die nicht heranwachsen möchte? Giulio ist fasziniert von ihrer Kindlichkeit, von der natürlichen Ausstrahlung. Aber diese Wirkung ist nur ein Teil des Ganzen: Arianna wirkt nicht nur so, sie ist es innerlich auch. Ein geistiges Kind im Körper eines Erwachsenen. Die Realität ist unerbittlich. In ihrer Fantasiewelt ist dagegen alles vollkommen in Ordnung. Da redet sie mit ihrer Puppe, die natürlich antwortet. Da steigt ein Liebhaber in eine Truhe und legt sich schlafen, während sie ihn in Wirklichkeit ermordet hat. Das alles schafft sie, vor Außenstehenden zu verheimlichen. Aber hat nicht ejder Mensch etwas, das er vor allen verheimlicht? Und gibt es nicht für jeden etwas, das sein „ein und alles“ ist, auch wenn es sich nur in seiner Vorstellung abspielt?

Ein Urteil zu fällen scheint angesichts dieses Buches nicht richtig. So viel sei gesagt: Die Handlung ist interessant. Es ist gehaltvoll, enthält viele Anspielungen und regt zum Nachdenken an. 

Bettina Riedel (academicworld.net)

Andrea Camilleri. Mein ein und alles.
Rowohlt. 19,95 Euro.

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