Thor: Herr mit Hammer

Die alten Nordmänner haben es verstanden, sich einen ordentlichen Götterhimmel zusammenzustellen. Ob Odin, Thor oder Loki – diese wagemutigen, mal rechtschaffenen, mal zwielichtigen Asen besitzen ein derart dramatisches Potential, daß selbst die amerikanische Populärkultur nicht daran vorbei kann. So fand 1962 Thor den Weg ins Superhelden-Panoptikum der Marvel Comics und wird jetzt, rund 50 Jahre später, nun auch auf der Leinwand seinen Hammer schwingen.

© Universal Pictures Switzerland

In Asgard steht längst nicht mehr alles zum Besten. Gerade als Donnergott Thor (selbstverliebte Kraft außer Kontrolle: Chris Hemsworth) zum neuen Herrscher gekrönt werden soll, dringen Eisgiganten in den Palast ein und gefährden damit einen uralten Friedenspakt zwischen Göttern und Riesen.

 

Anstatt sich dem Willen des autoritär-altersweisen Altvaters Odin (Anthony Hopkins), offenbar ein Vertreter aufgeklärter Politik, zu beugen, dürstet der heißblütige Thor nach Rache. Mit fünf Getreuen, darunter sein Bruder Loki (gefährliche Durchtriebenheit unter Kontrolle: Tom Hiddleston), dringt er in das dunkle Frostreich Jotunheim ein, wodurch die Feindschaft zwischen den beiden Völkern wieder aufzuflammen droht. Als Strafe verbannt der zornige Odin seinen Sohn in die Menschenwelt, besser gesagt in die Wüste New Mexicos. Dort fällt er der Astrophysikerin Jane Foster (Natalie Portman) buchstäblich vor die bildschönen Füße.

 

Während Thor im Götterhimmel zu den stärksten Kriegern zählte, hat er auf der Erde seine magischen Kräfte eingebüßt, ebenso seinen gewaltigen Hammer Mjöllnir. Er ist nichts weiter als ein ungehobelter „hunk“, dessen Muskeln für Pin-up-Momente reichen, dessen selbstgefällige Asgard-Allüren in Konfrontation mit pragmatischer Midgard-Kultur allerdings wenig Chancen haben. Ein breites Kreuz ersetzt noch lange keine Tischmanieren!

 

Gleichwohl könnte man unter den Göttern eben ein solches brauchen, haben sich inzwischen doch die Machtverhältnisse auf beunruhigende Weise verschoben. Loki hat den Thron übernommen und läßt seine zerstörerische Härte bis hinab in terrestrische Gebiete dringen. Die Welt, nein: die Welten brauchen einen Beschützer.

 

Im Paralleluniversum der Götter

Seit über 10 Jahren schwappt aus Hollywood eine inflationäre Welle an Comic-Superhero-Streifen, die mit ausgelassener Fabulierkunst und verschwenderischer CGI-Technik auf medialen Blockbuster-Ruhm bzw. finanziellen Boxoffice-Triumph setzt. Der Erfolg scheint dem Hype recht zu geben, und tatsächlich kann so manches dieser Werke als famose Unterhaltung gelten.

Gleichwohl haftet der filmischen Adaption von Superhelden-Comics stets etwas höchst Maniriertes an. Während Comicfiguren ihr Selbstverständnis gerade aus dem gezeichneten, damit bewußt artifiziellen Universum ziehen und insofern nichts der Wirklichkeit schulden, unterliegen sie im populären Kino der Erzähltradition aus klassischer Narration und visueller Realitätsimitation. Was als Zeichnung überwältigt, kann als Schauspiel schnell albern wirken, zumal die meisten Superhelden bei ihrem Outfit einen fatalen Hang zur Selbstkarnevalisierung hegen.

Die Kreativen hinter „Thor“ scheren sich freilich wenig um solch immanente Problematik von Comicverfilmungen, setzen stattdessen auf den optischen, computergenerierten Overkill. Wenn schon Spielerei, dann aber richtig! Das Paralleluniversum der Götter und Riesen ist ein gewaltiger, alle Dimensionen sprengender Kosmos, umtost von einem gigantischen Ozean, überspannt von einem monumentalen Firmament, umarmt vom unendlichen All. Galaxien sind das Licht seiner Ewigkeit. Eine irisierende, bewachte Himmelsbrücke stellt die Verbindung von Asgard, ein Alptraum in Art Déco aus goldener Schockdekadenz und germanischen Emblemen, nach Midgard und Jotunheim dar.

Geradezu erholsam puristisch wirkt das düster-schroffe Felsenreich der Eisriesen, abweisend in seiner schneebedeckten Kälte, aus der die grau-blaue Bedrohlichkeit der imposanten Bewohner gleich sich lösenden Schatten erwächst. Kein Zweifel, die Bösen hatten den besseren Innenarchitekten.

 

 

Thorheit? Auch Anthony Hopkins weiß jetzt, wo der Hammer hängt; © Universal Pictures Switzerland

 

Mit großer Geste

 

Bedauerlicherweise werden Größe und Großartigkeit des Setdesigns zu weiten Teilen dem 3D-Effekt geopfert, der dem Filmerlebnis nichts Wesentliches hinzufügt, dafür Schärfe und Helligkeit entzieht. Längst ist es kein Geheimnis mehr, daß beim momentanen Stand der Technik im Vergleich zu einer 2D-Projektion bei einem typischen 3D-System etwa zwei Drittel an Licht verloren gehen.

 

Doch „Thor“ will als Action-/Fantasy-Eventmovie die Massen anlocken, und das glaubt man heutzutage anscheinend nicht mehr ohne 3D, Teil permanenter Überwältigungstaktik, erreichen zu können. Während Patrick Doyle seinen orchestral-dramatischen Score aufbrausen läßt, entfaltet sich ein lärmendes Spektakel, mit üppigem Pomp daherkommend und großspurig wie sein Held, aber ohne emotionale Dichte, ohne erzählerische Raffinesse, ohne mystischen Zauber, vor allem ohne epischen Atem unter der soliden Entertainmentoberfläche. Der altmodische Charme der Marvel Vorlagen hat sich längst diskret zurückgezogen.

 

Was Kenneth Branagh, ausgezeichneter Shakespeare-Mime, an der Regie reizte, läßt sich allenfalls erahnen, ebenso seine Handschrift, die sich am deutlichsten wohl noch in der präzisen Schauspielerführung zeigt. Branagh liebt die große Geste, und die Asen mit ihren zutiefst menschlichen Schwächen und Problemen, die stets zu übermenschlichen Schicksalen gerinnen, bieten sich hierfür einfach an. Wie schön läßt es sich brüllen, wenn man wie Thor merkt, daß man noch zu schwach ist, um den eigenen, Excalibur-mäßig im Boden versenkten Hammer herauszureißen.

 

Wie eindrucksvoll verzweifelt kann sich Loki winden, sobald sich herausstellt, daß er ein Bastard der Eisriesen ist. Ja, das sind die wirklich starken Momente in einem Film, der ansonsten kaum Esprit versprüht. Branagh liefert eine gediegene, doch unambitionierte, weitgehend humorlose Inszenierung ab, die auf vorhersehbaren, ziemlich belanglosen Superhelden-/Fantasy-Genrepfaden mit einigen Ausfällen in die Science-Fiction wandelt, ohne je die Chance zu ergreifen, einen individuellen filmischen Mythos zu kreieren.

 

 

Portman
Ein Thor würde dem Film gut tun: Chris Hemsworth mit Natalie Portman; © Universal Pictures Switzerland

 

Der Verlust an Hintergründigkeit

 

Dabei liefert die nordische, also skandinavisch-vorchristliche Mythologie mit ihrem Pessimismus und den extrem zwiespältigen Heroen doch Ambivalenz in Reinkultur. Diese wurde allerdings bereits in den Marvel Comics abgeschliffen und amerikanisiert.

 

Die Filmadaption treibt die Trivialisierung noch weiter bis hin zur Eindimensionalität, wenn etwa der zunächst aufregend hitzige Thor die klassische Reintegration aller gefallenen US-Helden durchmachen muß: Fehltritt, Einsicht, wahlweise Demutsgeste oder Therapie, gesellschaftliche Rehabilitation. Für einen Gott abgewandelt meint dies: Exil, Erdaufenthalt als Domestizierungsmaßnahme evt. in Kombination mit kurzer Liebelei, Opferhandlung, Wiederaufnahme unter Seinesgleichen. Da ist sie wieder einmal, die amerikanische (Kino-)Psychologie und Moral ? ebenso blass wie stupide.

 

Wie sehr sehnt man sich da nach echten Schurken, nach gewissenlosen Halunken, innerlich zerrissen, elendig getrieben, unerbittlich hart. Verstörende Gestalten, anziehend und abstoßend zugleich, die sich weder um göttliche noch menschliche Gebote scheren. Wo sind die eigentlich geblieben? Fast hätte Loki, Prototyp des mythischen Tricksters und Intriganten, einen solchen abgegeben, wäre das Drehbuch nicht derart kleinmütig mit seinen Protagonisten verfahren. So vermag zwar Tom Hiddleston in einer interessanten Darstellung zwischen beherrschter Tragik und perfider Hinterhältigkeit das abgründige Potential seines Loki anzudeuten, muß dann aber in den narrativen Untiefen aus Bruderneid und Vaterkomplex verblassen.

 

Dem Film „Thor“ fehlt definitiv jener aufbrausende, durchsetzungsfähige Mut, der den Gott Thor auszeichnet. Anders als andere zu sein, kommt vielleicht im kosmischen Asgard an, in Hollywood jedoch nicht. Dort gilt es wahrscheinlich schon als unerhört exzentrisch, sich dieses Werk nur an einem Donnerstag anzuschauen.

 

 

(Autorin: Nathalie Mispagel, academicworld-Filmexpertin)

 

 

Thor

Regie: Kenneth Branagh


Besetzung: Chris Hemsworth, Anthony Hopkins, Natalie Portman, Stellan Skarsgård, Tom Hiddleston, Rene Russo u.a.

Kinostart: 28. April 2011

Im Verleih von Paramount Pictures Germany

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