Take Shelter: Im Auge der Angst

„Take Shelter“ thematisiert Angst in ihrer reinsten Form: als Entsetzen vor der eigenen Ahnung. Ab 22.3. im Kino.

Take Shelter – ab 22. März im Kino

Sturmwarnung

Er schreit es ihnen wie ein Rasender entgegen, panisch, verzweifelt, ungezügelt. Doch seine ehemaligen Kollegen wenden sich nur peinlich berührt ab. Wer wollte ihm auch seine wirren Warnungen glauben, wer sollte seine Ankündigung eines gewaltigen Sturmes ernst nehmen?

Dabei war Curtis (Michael Shannon) vor wenigen Wochen noch ein zufriedener, stiller Mann, hatte einen Job als Sandgrubenarbeiter und ein Haus in einer Kleinstadt Ohios. Mit Ehefrau Samantha (Jessica Chastain) sowie Töchterchen Hannah (Tova Stewart), deren Gehörlosigkeit die Familie nur enger zusammenschweißte, lebte er ein bescheidenes Glück. Bis die Träume kamen… Plötzlich wird Curtis von apokalyptischen Visionen heimgesucht, sieht den Himmel sich aufgrund ungeheurer Gewitter verdunkeln und wird von fremden Gestalten angegriffen. Selbst wenn er wach ist, meint er im Regen ölige Spuren zu entdecken, beobachtet er seltsame Vogelflüge und hört mitten am Tag heftiges Donnergrollen.


Paranoiagewitter

Angst, so könnte man es fassen, bedeutet Entfremdung vom eigenen Selbstverständnis und von der Umgebung, nämlich die Auflösung aller Verbindlichkeiten. Genauso fühlt Curtis, dessen Verunsicherung aufreizend langsam nachgezeichnet wird. Seine argwöhnischen Blicke auf die ihn umgebende Natur, seine nachdenklichen Pausen voller Unbehagen künden nicht zuletzt vom schwindenden Vertrauen in sich selbst, weil schon bei seiner Mutter (Kathy Baker) in jungen Jahren Schizophrenie diagnostiziert wurde. Vielleicht bildet sich Curtis ja alles nur ein, vielleicht wird er langsam geisteskrank.

Was Realität und Halluzination sein könnte, läßt Regisseur Jeff Nichols narrativ wie ästhetisch offen. Traumbilder geben sich als solche nur beim Erwachen Curtis‘ zu erkennen, während manche Alltagsimpressionen wiederum Wahnvorstellungen gleichen. Einmal steht Curtis in der Nacht am Straßenrand, betrachtet in der Ferne eine bedrohliche Gewitterfront, aus der Blitze wie geisterhafte Vorboten einer Katastrophe zucken. Das ist nicht mehr von dieser Welt. Paranoia und Metaphysik verschmelzen.

Transzendenzhorror

„Take Shelter“ mutet mit seiner dichten Atmosphäre an wie ein Horrorfilm, arbeitet teilweise mit typischen Kameraeinstellungen oder Szenen, etwa dem Vorbeihuschen unbekannter Personen. Ohnehin bietet der Film das ultimative Horrorthema in seiner Essenz dar: die pure (Ur-)Angst, unkonkret und scheinbar ohne klaren Sinn, dafür umfassend. Anders als klassische Genrewerke will er jedoch die Angst nicht evozieren, sondern beobachten, das heißt, er funktioniert ohne größere Schockmomente, bietet vielmehr die subtile Verstörung eines Psychodramas.

So gesehen ist „Take Shelter“ eine Reflektion über jene den Menschen schon immer beschäftigende, wenn nicht gar irritierende Diskrepanz zwischen Außen- und Innenwelt, also zwischen dem objektiven Sein und dessen subjektiver Wahrnehmung. Die Erfahrung solcher Transzendenz will nicht nur erzählt, sie will erklärt werden, wozu einst Mystik und Religion dienten. Die aufgeklärte, technikorientierte Gegenwart hingegen setzt auf Wissenschaft als Wahrheitsfinder. Auch Curtis sucht Hilfe bei einem Therapeuten. Doch Furcht läßt sich nicht einfach wegrationalisieren, weshalb er nebenbei beginnt, den unterirdischen Tornado-Schutzbunker im Garten auszubauen. Dafür verschuldet er sich, und weil er zudem unerlaubt Maschinen seiner Firma ausleiht, verliert er auch noch den Arbeitsplatz.


Ohnmacht

Jeff Nichols konzentriert-nüchterne Inszenierung vermittelt mit präzis kadrierten, langen Einstellungen den Eindruck von Ordnung und Übersichtlichkeit, ein Gefühl, das Curtis längst abhanden gekommen ist. Stattdessen macht er die eigentlich vormoderne Erfahrung von menschlicher Macht und Ohnmacht. Dazu paßt, dass im Film keinerlei technologische Medien wie das Internet präsent sind. Was könnten die ihm auch bieten, geht seine Panik doch weit über eine Angst vor Kontrollverlust hinaus, die sich aktuell in westlichen Gesellschaften primär auf von Menschen geschaffene Gefahrenquellen wie Atomkraft, Gentechnik oder politischen Terrorismus fokussiert.

Curtis indes sieht sich mit einem zutiefst archaischen Phänomen konfrontiert, nämlich der Vorstellung von der Weltpreisgabe an unbekannte Mächte. Als dann tatsächlich Vögel vom Himmel fallen und ein Regensturm aufzieht, scheinen seine Prognosen sogar bestätigt zu werden. Nur ist es damit nicht vorbei. Das Ende verheißt den Anfang. Von was, bleibt lange ungewiss. Anders als die Angst; die ist real.

Take Shelter – Ein Sturm zieht auf

Regie: Jeff Nichols
Darsteller: Michael Shannon, Jessica Chastain, Shea Whigham
Kinostart: 22. März 2012

Im Verleih von Ascot Elite Filmverleih GmbH

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

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