Stilfragen zum Semesterstart

Hunderttausende Studenten beziehen gerade wieder ihre erste Wohnung. Und fragen sich, ob sie sich eigentlich schämen müssen, wenn der Fernsehtisch eine Orangenkiste ist. Philipp Tingler kann beruhigen.

Wie darf eine Studentenbude aussehen?
Es ist einfacher, hier kurz zusammenzufassen, wie eine Studentenwohnung nicht aussehen darf. Auf keinen Fall sollten darin die folgenden Dinge zu finden sein: Papierlampen, Kiefernmöbel, orthopädische Sitzbälle, Ausstellungsplakate an den Wänden, und alles was mit Batik, Häkeln oder Töpfern zu tun hat. Von diesen verbotenen Dingen sind die Sitzbälle am schlimmsten.

Von was für Käufen raten Sie aus Stil- oder Praktikabilitätsgründen strikt ab?
Aus Praktikabilitätserwägungen rate ich prinzipiell von gar nichts ab, denn wenn was hübsch ist, aber unpraktisch, würde ich es jederzeit kaufen. Aus Stilgründen dringend abraten möchte ich von diesen kleinen Schränken mit Abflussrohraussparung, die man unters Waschbecken ins Badezimmer stellen kann.

Was hingegen ist eigentlich ein Muss für eine klassische Studentenwohnung?
Billy-Regale von Ikea. Die sind auch total OK. Aber nur in Weiss und ohne Glastüren oder sonstigen Schnickschnack.

Wie geht man selbstbewußt mit Kritik von eingeschleppten und bereits im Berufsleben stehenden Aufrissen um?
Wie mit jeder Kritik: Man guckt sich die aufgerissene, eingeschleppte und kritisierende Person an, bildet rasch im Kopf das Produkt aus deren Aussehen mit der Wahrscheinlichkeit für emotional unbeteiligten Sex, und wenn das Ergebnis grösser ist als 12, erwidert man: „Hm, vielleicht hast du Recht.“

Philipp Tingler wurde 1972 in Berlin (West) geboren. Er ist Schriftsteller, Journalist, Wirtschaftswissenschaftler, Doktor der Philosophie und Fotomodell mit Hochbegabten-Stipendium. Neben Stilfragen befasst er sich in seinen Texten mit Gesellschaftsphänomenen aller Art oder einfach auch nur der Kunst der vollendeten Beleidigung. Sein Buch „Stil zeigen! – Handbuch für Gesellschaft und Umgangsform“ ist bei Kein & Aber erschienen.

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