starr, starrer, 1870

Braun und Schwarz trägt man nicht zusammen. Es gibt viele solcher „gesellschaftlichen“ Regeln, auch heute noch. Im Jahr 1870 gab es unzählig mehr und sie zu brechen war eine Todsünde. Bevor Newland Archer also gesellschaftlichen Suizid begeht, heiratet er besser die blasse May Welland… Oder?

New York in den 1870ern. Es ist eine Zeit, in der Männer und Frauen in der Oper noch getrennt sitzen, aber auch die weitläufigsten Häuser der reichsten Familien nicht mehr mit einem eigenen Ballsaal gebaut werden und es vollkommen akzeptabel wird, in einer Mietkutsche vorzufahren. Die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs deutet sich an – und findet seinen Widerhall in der Person von Newland Archer. Seine Verlobung mit der niedlichen und Jane-Austen-zarten May Welland war nur noch eine Formalität, die gemäß New Yorker Art auf einem Ball der Brautfamilie verkündet wurde.

Der einzige Schatten, der die Vorfreude trübt, ist eine Cousine der Braut, die nach einer skandalös zerrütteten Ehe in die Staaten zurückkehrt: Gräfin Ellen Olenska. Als Kind war sie des Bräutigams enge Bekannte und irgendetwas scheint sie in Archer zu berühren. Obwohl sie nach gesellschaftlichen Regeln nicht viel mehr Beachtung als eine Küchenmagd verdient und bei allen Beteiligten den Projekttitel „arme Verwandte mit Skandal“ trägt. Und sie lässt Archer einfach nicht los – aber eine Liaison mit ihr würde ihn seine gesellschaftliche Stellung kosten…

Die Kritik

Es ist kein Geheimnis, dass es bei ZEIT DER UNSCHULD um die starren gesellschaftlichen Regeln geht, aus denen man eigentlich ganz einfach ausbrechen könnte. Denn sie sind einfach nur in unserem Kopf. Niemand würde Newland Archer daran hindern können, seiner leidenschaftlichen Liebe zu Gräfin Olenska nachzugeben. Nur wäre auch er dann befleckt. Und das ist ihm seine Liebe dann wohl doch nicht wert. Lieber lebt er in einer leidenschaftslosen und gesellschaftlich akzeptablen Ehe, die aus seinem Leben einen langen ruhigen Fluss macht.

Vielleicht will die Autorin auch nur folgendes klarstellen: Jeder kann eine Entscheidung treffen, aber das muss er/ sie a) alleine und b) dann mit den Konsequenzen leben. Das Leben ist kein Ponyhof und keine Polly Pocket-Insel, in der man alles haben kann. Denn für Archer gibt es kein Happy End, nur das Leben, das er gewählt und nie verlassen hat.

Dadurch ergibt aber leider für das Lesevergnügen auch eine Konsequenz: Es braucht Durchhaltevermögen. So, wie die Gesellschaft der oberen Zehntausend in NYC beschrieben wird, ist auch die Wortwahl der Autorin. Entsprechend wirkt die Erzählweise manchmal etwas umständlich und auf ruhige Art ausschweifend. Andere würden sagen „zäh“ und das kann man so nicht von der Hand weisen. Die Handlung beinhaltet wenig Action, keine Spannungsbögen und Charaktere, die nicht unbedingt tiefschürfend dargestellt werden. Lesenswert ist das Buch auf seine ganz eigene Art trotzdem. Diese Verwendung der Sprache findet man nur noch selten (Erstveröffentlichung um 1920 herum) und die Beschreibungen der amerikanischen Gesellschaft sind schon interessant. Es ist ein Buch, aus dem man etwas für sich selbst lernen kann, denn so dröge Newland Archers Leben verläuft, umso mehr beginnt man, das eigene Leben zu reflektieren – und möchte sich direkt in ein Abenteuer stürzen!

Bettina (academicworld.net)

Edith Wharton. Zeit der Unschuld.
Manesse. 26,95 Euro.

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