Schwerelos geerdet

Das visuell faszinierende Space-Kammerspiel „Gravity“, ab 3.10. im Kino, kann auch als Essay über die unterschiedlichen Formen der Erdanziehung verstanden werden.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Eine Bullock …

Ausgesetzt

Unfassbar still. Unerträglich kalt. Unergründlich weit. Unendlich einsam. Das ist das Weltall. Dort kann der Mensch nicht existieren, doch dort zieht es ihn immer wieder hin. Die Raumfahrt ist ein einziges Protokoll dieser unerwiderten Liebe aus Forscherdrang, die nur von Astronauten konkret gelebt werden kann. Etwa von Matt Kowalsky (George Clooney) und Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock). Er, ein erfahrener Raumfahrer, begleitet zum letzten Mal eine Shuttle-Mission; sie, eine Medizintechnikerin, ist erstmalig dabei. Der Routineauftrag im Orbit wandelt sich zur Katastrophe, als vorbeifliegende Trümmer das Spaceshuttle zerstören und Stone und Kowalsky ohne Funkkontakt zur Bodenstation ins All treiben. Haltlos, hilflos, hoffnungslos.

Die Kürze des Titels korrespondiert mit der Kompaktheit der Handlung. War einst „Speed“ (1994) eine Studie über (Kino-)Kinetik, ist „Gravity“ ein Traktat über die Schwerkraft, die physikalische wie die psychologische. Regisseur Alfonso Cuarón hat die Conditio Humana in die Weiten des Weltraums verlegt und seine klassische Survival-Story dadurch derart verfremdet, daß sie als universeller Kommentar auf menschliches (Über-)Leben funktioniert. Der Gefahr ausgesetzt sein meint hier: Ausgesetztsein als existenzieller Zustand der Verlorenheit.

Unkontrolliert

Die Idee ist brillant, die Inszenierung in ihrer gespannten Ruhe phänomenal, die Kamera schlicht grandios. Bestechend klare 3D-Technik läßt den Weltraum, der die Narration motiviert, wenn nicht gar darstellt, sich in unermessliche Tiefen erstrecken, wo kein Maß mehr greift. Selbst Kameramann Emmanuel Lubezki scheint sich vom dreidimensionalen Denken befreit zu haben, ignoriert physikalische Gesetze und zelebriert den totalen Schwebezustand ohne Beachtung von Oben oder Unten in einzigartigen Plansequenzen. Mit dieser atemberaubenden Imitation von Schwerelosigkeit kommt er einem kosmischen Raum-Gefühl so nahe wie möglich. In Kombination mit den Soundeffekten, die sich vor der Stille im All immer wieder respektvoll zurückziehen, und der sich zu sphärischem Pathos emporschwingenden Filmmusik von Steven Price ergibt sich eine fast körperlose Vergegenwärtigung von Weltraum.

Allein das Drehbuch von Alfonso und Jonás Cuarón hat solch majestätischer Annäherung an das Nichts wenig hinzuzufügen. Der Beginn, nämlich das fremdbestimmte Driften durch den Orbit, ist ein Meisterwerk cineastischer Lyrik. Der Rest orientiert sich mehr an vertrauter Rettungs-Prosa, hier in der bemerkenswerten Variante des One-Woman-Play. Das ist zwar immer noch mit computertechnischer Raffinesse in höchster Vollendung und einer subtil fesselnden Dramaturgie präsentiert, besitzt aber nicht mehr das gewisse Etwas. Jetzt ist das Geschehen zielgerichtet, das Treiben durchs All hingegen war pure Reduktion, war die Negation aller menschlichen Kontrolle. 

… und ein Clooney allein im All.

Angezogen

Dank essayistischer Qualitäten erhebt sich „Gravity“ gleichwohl über das Gros der filmischen Weltraumabenteuer. Gravitation zählt zu den vier fundamentalen Wechselwirkungen, auch als Grundkräfte der Physik bekannt. Sie bestimmen unser Dasein, definieren es auf physikalischer Ebene und geben uns insofern ’Erdung’. Das läßt sich im physischen wie im metaphysischen Sinne verstehen. Diese Kräfte sind Metaphern für Heim, Heimat, Daheim-Sein, also für das Vertraute. Im All, wo die Gravitation abnimmt, wartet das Unbekannte in Form totaler Isolation. Dort ist der Mensch auf die Kräfte und Emotionen zurückgeworfen, die er in seinem Inneren mit sich trägt. Und jene, ob Liebe, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung oder Mut, ziehen ihn immer wieder zum Heimatplaneten zurück. In einer der bewegendsten Momente hat Ryan zufälligen Funkkontakt zur Erde. Sie hört Hundegebell, Babyschreien, ein Schlaflied… und ist getröstet in ihrer erschöpften Angst und unbegreiflichen Einsamkeit. 

Insofern könnte „Gravity“ auch als Absage an Fortschrittsglauben und Individualitätskult betrachtet werden. Im Weltraum verliert der Mensch seine auf der Erde noch sicher geglaubte Bedeutung. Er wird zu einem unwichtigen, ja unsichtbaren Partikel, verloren in kosmischer Unendlichkeit, die keine Technik jemals beherrschen wird. Nur auf der Erde kann der Mensch sich gebärden, als wäre er alles. Das Universum lehrt ihn die Wahrheit: Im All bist Du nichts! Es sei denn, Du akzeptierst, ein winziger Teil des Ganzen zu sein. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Auf der Erde.


Gravity
USA 2013
Regie: Alfonso Cuarón
mit Sandra Bullock, George Clooney

Kinostart: 3. Oktober 2013

Share.

About Author