Im Süden was Neues

Polly und die junge Willow sind ein eher unübliches Mutter-Tochter-Gespann: Als Polly mit 58 Jahren ihren Ehemann beerdigt, erfährt sie, dass sie noch einmal schwanger geworden ist. Willow wächst als Halbwaise heran, deren ältere Geschwister schon seit Jahrzehnten das Haus verlassen haben. Sie selbst ist mit einer überbordenden Fantasie ausgestattet und erzählt gerne mal fantastische Lügen über ihre Mutter. Ihr bester Freund, Dalton, unterstützt sie meist eher semi erfolgreich bei ihren Abenteuern – und das Größte liegt erst noch vor ihr: Polly hat damals ihre Heimat Louisiana unter ominösen Umständen verlassen und verbrennt sogar lieber einzigartige, handschriftliche Briefe, bevor sie ihrer Tochter davon erzählen würde. Willow jedoch hat einen größeren Dickschädel als Polly und macht sich daran, das Geheimnis zu ergründen …

Die Kritik

Nicht nur bittersüß, sondern auch zuckersüß ist dieses Buch. Willow als Hauptcharakter erlaubt den Blick auf zwei Familien: Eine klassische aus Ehepaar, Sohn und Tochter – zu denen Willow keinen Bezug herstellen kann, auch ihre Geschwister scheinen mit ihrer Existenz nicht wirklich zurechtzukommen. Die zweite Familie ist ihre Version mit einer alleinerziehenden, vergleichsweise sehr alten Mutter. Sie wächst wesentlich befreiter heran: Polly hat schon mal 2 Kinder durchgebracht und ist daher mit allen Wassern gewaschen – und schert sich nicht um die Gesellschaft. Sie weiß, worauf es ihr ankommt und worauf sie verzichten kann. Diese Haltung tut Willow absolut gut, denn so wächst sie befreit von sozialem Druck heran. Bis natürlich die Teenagerzeit kommt und sie sich mit all den anderen Mädels zu vergleichen beginnt. In diese Situation kann sich jeder über 20 Jahre sofort hineinversetzen. Ihre Entwicklung beginnt im Alter von 11 Jahren, im Laufe des Buches vergehen einige Jahre.

Doch im Sinne von „bitter“ geht es nicht nur um einen heranwachsenden Teenager, sondern auch ernstere Fragen des Lebens. Bei einer so alten Mutter kommt die Angst, sie vorzeitig zu verlieren, für die jüngste Tochter an vorderer Stelle. Sie entwickelt eine regelrechte Panik und daher auch ein enormes Kämpferherz. Das benötigt sie am Ende auch!

Die Schreibweise ist wirklich zucker. Man könnte es fast mit der Serie Gilmore Girls vergleichen, nur eben mit Zigaretten, Eichhörnchenschocker wegen der Pecannüsse und Platzpatronen. Die Geschichte ist auf eine etwas rauhere Art super charmant und alle Beteiligten wachsen dem Leser sofort ans Herz. Man wird regelrecht durch das Buch gezogen und jagt mit Willow das große Geheimnis ihrer Mutter, bis es am Ende etwas ruhiger wird – vorerst. An sich könnte man das Buch sicherlich auch an einem Tag lesen, wenn man denn so viel Zeit hat (geht ja in eure Vorlesungen!). Gut gelungen ist ebenso, dass die dramatische Entwicklung rund um Polly nicht zwanghaft tränenreich und leidend geschildert wird, sondern ruhig, fast sachlich und emotional relativ ausgewogen. Pollys großes Geheimnis wird am Ende übrigens gelüftet – und zwar mit einem Knall!

Das Fazit: Wirklich empfehlenswert, weil schräg, liebenswert und unterhaltsam und einfach mal was anderes.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Kathy Hepinstall. Bittersüß wie Pecannüsse.
Rowohlt Polaris. 14,99 Euro.

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