Recht sprechen und Recht haben

Familienrichterin Fiona Maye kämpft an allen Fronten: Ihre Ehe steht auf der Kippe und bei ihrem neuesten Fall geht es buchstäblich um Leben und Tod. Ein 17-jähriger Zeuge Jehovas verweigert sich einer lebensrettenden Bluttransfusion – in Ian McEwans neuem Roman „Kindeswohl“.

Ian McEwan: Kindeswohl.

Die Neuauflage: Adam vs. Gott

Ist das medizinisch Mögliche immer auch das Wünschenswerte? Wie erwachsen ist ein 17-Jähriger? Darf die Religion über das (Über)Leben ihrer Gläubigen entscheiden? Mit diesen Fragen sieht sich Familienrichterin Fiona Maye inmitten einer Ehekrise konfrontiert. Denn: Sie muss über den Fall des fast 18-Jährigen Adam entscheiden. Er und seine Eltern sind Zeugen Jehovas und als solche davon überzeugt, dass Blut heilig ist und Bluttransfusionen eine Sünde. Leider sieht es aber so aus, dass Adam ohne eine ebensolche dem Tod geweiht ist. Fiona soll nun entscheiden, ob das Krankenhaus den jungen gegen seinen Willen retten darf, oder aber sterben lassen muss. Fiona tut sich schwer mit einer Entscheidung, besucht Adam schließlich – in der heutigen Zeit gänzlich unüblich – selbst im Krankenhaus, um sich ein Bild von dessen Reife und Verständnis zu machen. Der sensible Junge, der gerne Gedichte schreibt und sich gerade das Geigespielen beibringt, macht Eindruck auf Fiona. Sie aber auch auf ihn.

Fiona entscheidet für das Leben und gegen Gott. Das erscheint auf mindestens genauso viele Weisen richtig wie falsch zu sein. Adams Eltern sind hoch erfreut, dass sie vor ihren Glaubensbrüdern und –schwestern das Gesicht waren können und trotzdem ihren Jungen behalten dürfen. Aber der Adam, der schließlich aus der Klinik entlassen wird, ist ein anderer geworden. Voller Zweifel an Gott und der Welt, voll blindem Vertrauen in die Frau, die ihm das Leben gerettet hat. Die aber kämpf mit so vielen eigenen Dämonen und vergangenen Entscheidungen – wie den getrennten Siamesischen Zwillingen, von denen nur einer überleben konnte oder den jüdischen Mädchen, denen sie ein Leben in der westlichen Welt zugestanden hat –  dass sie für Adam, trotz des gemeinsamen musikalischen Moments, nicht allzu viel Zeit übrig hat.

Zwischen Ehe- und Sinnkrise hat die Richterin aus Ian McEwans neuem Roman mit dem ein oder anderen moralischen Dilemma zu kämpfen. Die Frau von „göttlicher Distanz“ und „teuflischer Klugheit“ kommt in diesem Moment das erste Mal seit Jahren in allen Belangen an ihre Grenzen – und steckt plötzlich mitten in einem Strudel aus lange verdrängten Gefühlen und persönlicher Schuld. Fiona, wie auch die Geschichte selbst, nimmt die religiösen Befindlichkeiten durchaus ernst, erstarrt aber nicht in Erfurcht davor. Ein elegant erzählter und stets geistreich formulierter kleiner Roman von einem großen Erzähler.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Ian McEwan. Kindeswohl.
19,99 Euro. Diogenes Verlag.

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