Raubkatzen

Ridley Scott legt mit „The Counselor“, ab 28.11. im Kino, einen packenden Thriller nach dem Originaldrehbuch von Cormac McCarthy vor, der sich als ebenso scharfsinnige wie zynische Reflexion über Gier, Rache und Gewalt erweist.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Zum Prahlen geeignete Besetzungsliste

„Mir geht es gut. Was bringt der ganze Deal unterm Strich?“ (Counselor)

Zugegeben, die Eröffnungssequenz enttäuscht. Da wuselt ein Paar neckisch unter Bettlaken herum und ergeht sich in prüdem Liebesgeflüster. Dass Ridley Scott nicht wirklich Sex inszenieren will bzw. kann, ist bekannt. Dass Cormac McCarthy nicht über ihn zu schreiben vermag, verwundert hingegen. Irgendwann später wird es ein Telefonat zwischen den beiden Liebenden geben, und das fällt mit seinem mühsamen Geturtel ebenfalls quälend aus. „The Counselor“ bietet offenbar kein Terrain für Paarbeziehungen. Hier sind Einzelkämpfer gefordert, selbst auf erotischem Gebiet. Eine höchst ausgefallene Solo-Sex-Szene auf einem Ferrari wird das noch unterstreichen.

Im amerikanischen Südwesten nimmt man es halt nicht so genau mit der Moral. Dort an der Grenze zwischen Texas und Mexiko lockt das große Geld in Form von Drogenschmuggel. Auch der Counselor (meisterlicher Seiltänzer zwischen blinder Selbstüberschätzung und verzweifelter Hilflosigkeit: Michael Fassbender), ein cleverer Anwalt aus El Paso, will hiervon einen Teil abbekommen und lässt sich auf einen lukrativen Kokain-Deal ein. Doch intrigante Kräfte im Hintergrund sorgen dafür, dass dieser komplett schiefgeht. Von ein auf den anderen Moment ist das wohlgeordnete, biedere Leben des Counselors samt passender Verlobten (wie immer mit dem gewissen Garnichts: Penélope Cruz) zum Alptraum mutiert. Ein Erwachen hieraus gibt es nicht mehr. Ausweglosigkeit als Schicksal für den, welcher der Verführung des Geldes erliegt.

„Lassen sie sich eins gesagt sein, Counselor. Wenn Sie einen Freund als jemanden definieren, der für Sie sterben würde, dann haben Sie keine Freunde.“ (Westray)

Der Schrifsteller Cormac McCarthy ist der düstere Chronist Amerikas. Seine bislang fürs Kino verfilmten Werke „All the Pretty Horses“ (2000), die exzellente Adaption „No Country for Old Man“ (2007) und „The Road” (2009) sind Abgesänge auf den Mythos des Westens, auf den amerikanischen Traum, überhaupt auf Menschlichkeit und die Errungenschaften der Zivilisation. Nahtlos knüpft er mit seinem ersten Originaldrehbuch „The Counselor“ daran an, überführt einen konventionellen Plot in dichte, fast schon philosophische Dialoge. Anders als im Mainstreamkino geht es hier nicht um das, was die Protagonisten tun und anders als im Arthousefilm auch weniger um das, was sie reden. Viel wichtiger ist, wie sie es machen und wie sie es sagen. 

Für eine solche Story, die ihre wichtigsten Aspekte auf einer Meta-Ebene verhandelt, ist Regisseur Ridley Scott der richtige Mann. Im Prinzip sind alle seine Filme eine Meta-Version des jeweiligen Genres, erzählen auf den ersten Blick klassische Geschichten und enthüllen dann auf den zweiten ihre Tiefgründigkeit. „Blade Runner“ (1982) etwa ist Science-Fiction-Kino, aber eigentlich ein Dunkel-Fresko über die Essenz des Menschlichen, das Historiendrama „Gladiator“ (2000) beeindruckt als Studie über Rebellionsgeist im Angesicht von Todesgewißheit, der Kriegsfilm „Black Hawk Down“ (2001) wiederum seziert eine militärische Aktion, bis er sie in ihrer labyrinthischen, sinnentleerten Autoreferenzialität enttarnt hat. Eben das macht Scotts in mehr als einer Hinsicht phantastische Kunst aus: Er zeigt und erzählt, er bildet ab und analysiert.

Ganz in diesem Sinne verwandelt sich der drastische, extrem pessimistische Drogenthriller „The Counselor“ langsam in ein finsteres, nahezu metaphysisches Traktat über die Konsequenzen von Habsucht und über Rache als menschliche Version der archaischen Jagd. Nur dass letztere im Gegensatz zu der der Tiere sich nicht mit dem Wunsch nach Überleben rechtfertigen kann. Bei Kulturwesen haftet der Jagd stets etwas Bestialisches, Blutrünstiges, Unersättliches an. Geld nährt nie, sondern reizt nur den Hunger. Bis die Männer weinen, die Frauen sterben und Imperien zerfallen. 

„Wahrscheinlich bin ich in sie verliebt. Findest du nicht, dass das ein Grund zur Sorge ist? Es ist, als wäre man verliebt in… ja was? Einen leichten Tod?“ (Reiner)

„The Counselor“ präsentiert sich als wuchtig-blutiges Drama vom Ausmaß einer Shakespeare-Tragödie mit archetypischen Charakteren. Allein die Rolle des Helden ist eine Leerstelle. Eigentlich müsste die der Counselor einnehmen, doch gleich seinem nie genannten Namen bleibt er ein anonymer Spielball in einem undurchsichtigen Spiel um Millionen. Als der Transporter mit dem Kokain gestohlen wird, fällt durch einen dummen Zufall der Verdacht auf ihn. Die mexikanischen Kartelle eröffnen eine ultrabrutale, jegliche Erwartungen des Counselors sprengende Hatz. Dabei wurde er zuvor eindringlich gewarnt, ins Drogenbusiness einzusteigen, etwa von seinem Mittelsmann Westray (wie immer mit mehr Stil als Substanz: Brad Pitt). Der wie ein etwas schmieriger Cowboy-Geck auftretende Profi kennt sich im Geschäft aus, lässt immer ein Hintertürchen für die finale Flucht offen und gibt sich beneidenswert abgeklärt. 

Überhaupt fallen sämtliche Geschöpfe aus diesem Parallel-Universum des Verbrechens mit überheblichem ’wise guy’-Gehabe auf, als würden ihre Aktivitäten sie zu fatalistischen Lebenskennern, gar Lebenskünstlern machen. Tatsächlich sind sie nichts weiter als rabiate Neo-Kapitalisten, die dem Materialismus nur auf der falschen Seite des Gesetzes huldigen. Gier ist ihre Motivation, Gewalt ihr erstes und letztes Mittel. Diese ethisch völlig verkümmerte Existenz erheben sie freilich ins Mythische.

Auch Nachtclubbesitzer Reiner (beunruhigend verspielte Großspurigkeit: Javier Bardem), der im Drogengeschäft mitmischt und mit dem Counselor eine geschäftliche Partnerschaft anstrebt, liebt die extravagante Pose. Er hält sich zwei Geparden, mit denen er gelegentlich zur Kaninchenjagd in die Wüste fährt. Mindestens ebenso exquisit wie die beiden Katzen, aber ungleich gefährlicher ist die Frau an seiner Seite: Malkina, eine durchtriebene Femme Fatale ohne Skrupel (überragend in ihrer schillernden, soziopathischen Eiseskälte: Cameron Diaz). Sie reiht sich in die Garde starker, unabhängiger Frauenfiguren bei Ridley Scott ein, die einen Mann bestenfalls zur Erledigung ihrer Mission brauchen. Ansonsten zieht Malkina einsam wie ein Hai ihre Kreise, schafft um sich herum ihr eigenes Bermuda-Dreieck, wo Freund wie Feind irgendwann untergehen werden. Sie besitzt keinerlei Gewissen, und doch fasziniert ihr Handeln, weil sie als Frau den pervertiert virilen, pragmatisch-agonalen Killerkapitalismus konsequent zu Ende denkt: Nimm, was du kriegen kannst. Und dann hol dir auch noch den Rest!

In die Hose statt die Nase: Der gescheiterte Kokain-Deal bringt den Counselor (Michael Fassbender, mit Brad Pitt als Mittelsmann Westray) an den Rand seiner Existenz.

„In unserem Leben einen Ort für die künftigen Tragödien vorzubereiten ist jedenfalls eine Ökonomie, die nur wenige praktizieren wollen.“ (Jefe)

„The Counselor“ spielt in einer Welt, die moralisch derart verrottet ist, dass sie ihre Oberfläche umso mehr aufpolieren muss. Coole Dekadenz ist die Antwort auf alles. Schon das luftig-helle Luxusdomizil von Reiner, in das offenbar nicht nur edle Möbel, sondern auch nur schöne Menschen dürfen, atmet puren, kostspieligen Lifestyle. Ebenso kunstvoll charakterisiert Kostümbildnerin Janty Yates mit Hilfe von unterschiedlichen Designerlabels die einzelnen Figuren: Die ohnmächtig Naiven bzw. künftigen Opfer tragen Armani, die Eitlen bevorzugen Versace, die Smarten hingegen haben sich auf Thomas Wylde kapriziert. Wie Malkina. Mit ihrem Fell-Tattoo über der linken Schulter, den silberfarben lackierten, Metall-Krallen ähnelnden Fingernägeln, dem auffälligen Make-up, den verwegenen High-Heels und der blond-schwarzen, assymetrischen Frisur ist sie eine Art Hybrid-Wesen – eine menschliche Raubkatze, eine Jägerin par excellance.

Solch inszenierte Symbolik mag überdeutlich erscheinen, korrespondiert jedoch perfekt mit den gekonnt überladenen, scharfkantigen Dialogen. Regie und Drehbuch sind höchst kraftvoll in ihrer Zeichenhaftigkeit, unterstützt von Kameramann Dariusz Wolski, der mit vielen Großaufnahmen die metaphernreiche Schwere von Bild und Wort unterstreicht. Der Krimiplot ist nur der narrative Rahmen, die erzählerische Essenz zielt hingegen auf die Entlarvung der wahren Natur des Menschen ab. Und die erweist sich als ein schockierender Abgrund aus Maßlosigkeit, Arroganz, Gewalt – und Angst.

Am besten wissen das Verbrecher, die hier sozusagen als ’Philosophen der Tücke’ fungieren. Allesamt sind sie selbstherrliche Wichtigtuer, die andere gerne an ihrer (relativen) Weisheit über Männer, Frauen, Wahrheit, Vorsehung oder Vergeltung teilhaben lassen, aber niemals Mitleid verschenken würden. Sie mystifizieren das Schicksal als unausweichlich, verkennen freilich in ihrer Verblendung, dass sie nicht nur Täter, sondern längst auch Opfer eines bizarren (Drogen-)Mikrokosmos geworden sind. Hier trägt das Fatum die entmenschlichte Fratze von Gier und Gewalt. Reiner, Westray oder Jefe, jener geheimnisvolle Kartellboss im Hintergrund (kultivierte Erbarmungslosigkeit: Rubén Blades), haben nur deshalb Erfolg, weil sie es sich in einer Blase aus buchstäblich ’a-sozialem’ Verhalten eingerichtet haben. Sie sind hochtoxisch, sogar für sich selbst. 

„Ich glaube, es zu vermissen heißt zu hoffen, dass es zurückkommt. Aber es kommt nicht zurück. Das habe ich schon immer gewußt.“ (Malkina)

Gelegentlich verlieren sich die elaborierten Dialoge in ihrer manirierten Doppeldeutigkeit, während die eine oder andere Szene, etwa jene skurrile Beichtsequenz mit Malkina, mehr über die schriftstellerische Selbstverliebtheit von Cormac McCarthy aussagt, denn über das Filmgeschehen. Doch Ridley Scott hält alles mit seiner präzisen Regie zusammen, setzt dem weit ausholenden, abstrakten Drehbuch eine konkrete Intensität der Bilder entgegen, etwa mit der atmosphärischen Einfärbung des Raumes. Der zweigleisige Erzählstrang – hier das ungeschliffene Mexiko der ärmlichen Drug-Workmen, dort die gepflegte U.S.A. der reichen Drug-Salesmen – wird von einer brillanten Lichtinszenierung akzentuiert. Sie macht das Umfeld zum vor Hitze flirrenden Sündenpfuhl. Das warme Bronze-Mexiko beliefert die klare Diamant-U.S.A., doch verdorben sind sie beide. Geld(gier) macht alle(s) gleich.

Diese Erkenntnis mag nicht neu sein; aber mit Hilfe klassischer Thrilleringredenzien wird sie eindrucksvoll kompromisslos bis zum bitteren Schluss durchdekliniert. So wie der Soundtrack von Daniel Pemberton mit seinen Einsprengseln spanischer Rhythmen stetig vorandrängt, spitzt sich die Handlung radikal zu und avanciert zur nihilistischen, bewusst emotionslosen Replik auf das Streben des Menschen nach Profit. Zuletzt werden alle Hoffnungen begraben, jegliche Pläne verworfen, sämtliche Drohungen eingelöst. Heroen gibt es keine mehr, die Erlösung ist auf ewig verweigert. Zurück bleiben verängstigte Feiglinge und jene Meister der Manipulation, die eben noch etwas abgefeimter und gnadenloser als der Rest waren. Die Jagd ist vorbei. Der König ist tot. Es lebe die Königin.


THE COUNSELOR
Regie: Ridley Scott 
mit Michael Fassbender, Penélope Cruz, Cameron Diaz, Javier Bardem und Brad Pitt

Kinostart: 28. November 2013

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