Philosophische Frauen-Power

Wer war Lou Andreas-Salomé? Ihr Name ist vielen heute unbekannt, doch sie war nicht nur eine der gelehrtesten Frauen ihrer Generation, sondern hat auch vielen bedeutenden Intellektuellen der deutschen Geschichte eine Abfuhr erteilt. Die Heiratsanträge von Paul Rée, Friedrich Nietzsche und Rainer Maria Rilke hat sie alle abgelehnt – im Namen ihrer Freiheit und Unabhängigkeit.

Die berühmte Schriftstellerin, Philosophin und Psychoanalytikerin wurde 1861 in St. Petersburg geboren und begann früh sich mit philosophischen Schriften zu beschäftigen. 

Schon bald war klar: Salomé ist anders als die meisten Mädchen ihres Alters. Noch in ihrer Jugend fasst sie den Entschluss, der körperlichen Liebe fern zu bleiben. Sie will sich so frei und selbstbestimmt in der damals von Männern bestimmten Welt behaupten können. 

Gegen den Willen ihrer Mutter beginnt sie in Zürich zu studieren – eine der wenigsten Universitäten, die Frauen zu der Zeit annahmen – zieht aber nach kurzer Zeit wegen eines Lungenleidens nach Italien um. In Rom treten Paul Rée und Friedrich Nietzsche in ihr Leben. Beide sind von Salomés Charakter und Intellekt fasziniert, und beide machen ihr einen Heiratsantrag – erfolgslos. Salomé bevorzugt eine Kameradschaft, doch dies kommt für Nietzsche nicht in Frage. Mit Rée zieht sie nach Berlin um, wo sie den Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen lernt. 

Wann und warum Salomé doch ein Heiratsantrag annimmt und wie Rainer Maria Rilke mit seinen Gedichten den Kopf der 15 Jahren ältere Schriftstellerin verdreht wird im Dokumentarfilm gezeigt. Auch Sigmund Freud und seine Psychoanalyse werden von dieser außergewöhnlichen Frau beeinflusst. Eines ist sicher: Gewöhnlich war Lou Andreas-Salomé auf jeden Fall nicht.

Kritik

Es ist fast unmöglich Lou Andreas-Salomés Leben in einen Film zu packen. So eilt er auch zu vielen verschiedenen Zeitpunkten in Salomés Leben, sodass man als Zuschauer ziemlich erschöpft vom Kinosaal rauskommt. Beginnend mit der aufgebrachten 16-Jährigen Salomé, die ein Gedicht zu Boden fallen lässt und sich entschließt, keine Beziehungen in ihren Leben einzugehen, springt der Film an ihr Lebensende: Als die 72-Jährige Salomé in Göttingen krank nicht mehr außer Haus geht, den jungen Germanisten Ernst Pfeiffer doch bei sich empfängt und mit ihm ihre Biografie zu verfassen beginnt. Dies dient als Rahmenhandlung in der ihr Leben rekapituliert wird: Ihre Kindheit und ihr Glaube, wie sie diesen verliert und aus der Kirche austritt. Ihr erster Heiratsantrag von dem alten Pastor Gillot und ihre Ablehnung, das kurze Studium in Zürich, der Umzug nach Rom, ihr zweiter Heiratsantrag von Rée und wieder ihre Ablehnung. Die Dreisamkeit von Salomé, Rée und Nietzsche, ihr dritter Heiratsantrag von Nietzsche – und wieder die Ablehnung.

Spätestens da fragt man sich als Zuschauer: Was in aller Welt hat Salomé, das alle Männer so verrückt macht? Denn genau das blieb in meinen Augen im Film auf der Strecke: Ihre Werke, ihre Überzeugungen und ihre Gedanken, all das wofür sie auch eine lange Zeit ihres Lebens auf die körperliche Liebe verzichtete. Auch ihr Wirken als Psychoanalytikerin wird nur zum Schluss kurz angeschnitten, wobei sie in ihrem Leben vieles für die Psychoanalyse beigetragen hat und große Bewunderung von Freud dafür geerntet hat. 

Allerdings muss man dem Film eines lassen: Es bringt die Geschichte einer starken und mutigen Frau auf die Leinwand, die viele heute leider nicht mehr kennen. Paradox auch, dass ich persönlich sie erst interessant fand, als ich gelesen habe, mit welchen bekannten Männern sie in ihrem Leben in Kontakt gekommen ist. Eine kleine Hommage ist der Film aber auch an Rilke – denn seine Gedichte sind sehr präsent und lassen auch Nicht-Literaturbegeisterte nicht kalt. 

Am Ende bringt der Film ein bisschen von dem, was ich währenddessen gemisst habe: Eines ihrer Zitate, die die 72-Jährige Salomé dem Zuschauer mit einem direkten Blick vorträgt: 

„Die Welt, sie wird dich schlecht begaben.
Glaube mir‘s.
Sofern du willst ein Leben haben, raube dir‘s.“ 

Gänsehaut garantiert.


Stephanie Meyersieck (academicworld.net)

Lou Andreas-Salomé

Regie: Cordula Kablitz-Post
Darsteller: Katharina Lorenz, Nicole Heesters, Liv Lisa Fries, Katharina Schüttler, Alexander Scheer, Philipp Hauß, Julius Feldmeier 

Kinostart: 30. Juni 2016 im Verleih von Wild Bunch Germany

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