New York’s real hero

Allan Stewart Konigsberg, besser bekannt als Woody Allen, ist schon zu Lebzeiten eine Kinolegende und sein filmisches Werk ein Klassiker. Was man nicht oft genug betonen kann, meinen zumindest die Kreativen von „Woody Allen: A Documentary“, ab 5.7. im Kino.

New York’s real hero

„I’ve never been an intellectual but I have this look.“

Ein Mann, eine Brille: Irgendwie sympathisch, daß es in Zeiten permanenter Umwälzung selbst im Filmbusiness noch Kontinuität gibt. Hierfür steht Woody Allen (geb. 1935 in Brooklyn) optisch wie cineastisch und hat damit Erfolg. Mal mehr, mal weniger vielleicht, doch richtig weg war er niemals aus dem Kino. 42 Filme als Autor und Regisseur sprechen für sich. Insofern standen Robert B. Weide für seine aktuelle Dokumentation ein ungewöhnlicher Künstler samt erstaunlichem Œuvre zur Verfügung. Gemacht hat er daraus (nur) eine konventionelle Hymne auf ‚good old Woody‘. 

Sie folgt dem klassischen Dokuprinzip, ‚talking heads‘-Sequenzen mit Archivmaterial, Filmausschnitten und sonstigen Dokumentaraufnahmen zu kombinieren. Auf diese Weise kann zwar ein guter Überblick des Sujets gewährt, auch dessen historische bzw. kulturelle Bedeutung präzisiert werden, doch Überraschungen sind kaum zu erwarten. Schon gar nicht bei einer derart populären, wenn auch öffentlichkeits-scheuen Figur wie Woody Allen, der bereits Feuilleton wie Klatschpresse, Wissenschaftler wie Filmfans intensiv beschäftigt hat. „Woody Allen: A Documentary“ bleibt so schlicht wie sein Titel und ist trotzdem kurzweilig, weil der äußerlich unscheinbare, dabei ungeheuer geistreiche Herr, um den sich alles dreht, einfach ziemlich nah am Genie ist.

„I think being funny is not anyone’s first choice.“

Eineinhalb Jahre hat das Filmteam Woody Allen begleitet, mal durch sein geliebtes New York, mal bei Dreharbeiten, mal bei den Filmfestspielen von Cannes und daneben zahlreiche Interviews geführt. Zu Wort kommen u.a. Allens Schwester und Produktionspartnerin Letty Aronson, künstlerische Wegbegleiter, die häufig auch private waren, etwa Schauspielerin Diane Keaton, die Produzenten Robert Greenhut und Stephen Tenenbaum, Allens langjährige Manager Jack Rollins und Charles H. Joffe oder Freunde wie TV-Talkmaster Dick Cavett. Primär wurden wohlwollende, von Allens Kreativität profitierende Mitmenschen befragt, weswegen keine missbilligenden Worte fallen. Daß auch Woody Allen Reinfälle erlebte, etwa den Flop mit „Stardust Memories“ (1980) oder jene Komödien-Flaute ab Mitte der 1990er Jahre, findet nur flüchtige Erwähnung.

Dabei wäre eine solch zahme Herangehensweise nicht notwendig gewesen, um Woody Allens außergewöhnliches Talent, das sich aus brillanter Tragikomik, sarkastischem Intellekt und treffend-witziger Skurrilität speist, zu unterstreichen. Ungeachtet aller künstlerischen und finanziellen Enttäuschungen, die eine langjährige Karriere zwangsläufig mit sich bringt, besitzt Allen tatsächlich eine überzeitliche Qualität. Dieser Mann, der in jungen Jahren als Gagschreiber begann, als Standup-Comedian arbeitete, als Schauspieler reüssierte, als Regisseur und Drehbuchautor ‚Oscars‘ gewann (und sie nicht live abholte, weil er lieber Auftritte als Klarinettenspieler mit seiner New Orleans-Jazz-Band absolvierte), dieser produktive Mann ist ein Meister und längst Kult. 

Erwartungsgemäß relativ viel "Woody Allen" in "Woody Allen: A Documentary" © NFP

„If my films make one more person miserable, I’ll feel I have done my job.“

In seinem Ruhm sonnen sich inzwischen gerne Hollywoods Jungschauspielerinnen, die Woody Allen wiederum ebenso gerne als neue Musen vor die Kamera holt. Mit überteuertem Gebiss und übersteuertem Strahlen versichern sie den Fragenden, wie sehr die Arbeit mit Woody sie bereichert hat. Nur Josh Brolin, Darsteller in „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ (2010), gibt offen seine Unsicherheit während gemeinsamer Dreharbeiten zu. Wie gerne hätte er seinem Regisseur alles recht gemacht, doch dessen vage Anweisungen ließen ihn sich wie einen Schauspielanfänger fühlen. Keine Frage, Woody Allen ist auf scheinbar gedämpfte Weise eine respekteinflößende Autorität.

Immerhin zeigt bereits sein ausgesprochen ‚abwechslungsreiches‘ Privatleben einen Hang zum Extraordinären. Doch die diversen Beziehungen, explizit die langjährige Partnerschaft mit Mia Farrow und deren skandalträchtige Trennung, werden zwar faktisch kurz aufgearbeitet, aber nie kritisch kommentiert. Gut, darauf kann man ohnehin verzichten; aber dass Allens Gesamtwerk ebenso vorsichtig behandelt wird, ist ein klarer Makel dieser Dokumentation. Selbst renommierte Filmkritiker wie Richard Schickel oder Leonard Maltin haben mit ihren Anmerkungen keine analytische Schärfe beizutragen.

„I don’t want to achieve immortality through my work. I want to achieve it through not dying.“

Hieraus entwickelt sich eine für die Dokumentatoren eher klägliche, für den Dokumentierten freilich gloriose Situation, dass er allein den Film aus der Mittelmäßigkeit rettet. Es sind die häufig eingespielten Passagen aus Allens Filmen, welche begeistern sowie seine herrlich neurotischen Kommentare zu Kunst und Leben, die bestens unterhalten. Seiner Rolle als respektierter, einflußreicher ‚Longtime Star‘ ist er sich voll bewußt, daneben allerdings auch der kuriosen Nichtigkeit und Endlichkeit aller menschlichen Bemühung. Es scheint, als hätte er sich inmitten der (Moviemaker-)Show noch echten (Existenz-)Skeptizismus bewahrt, den er genußvoll auslebt.

Vor dem Tod, ein für Woody Allen seit Kindertagen substanzielles Thema, wird ihn das nicht bewahren. Aber Unsterblichkeit sei ihm schon zu Lebzeiten zugesichert, was wahrscheinlich wenig trösten würde. Für uns Zuschauer hingegen liegt darin die Magie des Kinos. Und Woody Allen ist ein Teil davon.

(Nathalie Mispagel)

Woody Allen: A Documentary

Regie: Robert B. Weide
Mit: Woody Allen, Penélope Cruz, Scarlett Johansson und vielen anderen

Im Verleih von NFP
Kinostart: 5. Juli 2012

  

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