Neid und Psychopharmaka

Dystopien gibt es aktuell viele. Die meisten davon sind auf Teenager ausgelegt oder Teil der no-age Fantasy. Wer es gerne etwas erwachsener hätte, sollte zu „Die Quelle“ greifen – ein Thriller, der jede Psyche erschüttern wird.

In England herrscht Dürre. So stark und so langanhaltend, dass sie die gesamte Insel in die Knie zwingt. Wasser ist stark rationiert, Landwirte begehen reihenweise Suizid und Unruhen erschüttern das Land. Nur in einem Anwesen auf einem Hügel in einer ländlichen Gegend fällt jede Nacht Regen. Hier gibt es eine Wasserquelle, die niemals versandet. Die Menschen, Tiere und Pflanzen üppig satt hält.

Für Ruth und ihren Mann ist dieses Anwesen, das sie bald „Die Quelle“ nennen, ein Neuanfang. Nach einem Skandal haben sie London den Rücken gekehrt. Anfangs scheint alles optimal, doch dann setzt die Dürre der Insel zu – nur ihnen nicht. Keiner weiß warum, auch die Wissenschaftler rätseln sich dumm und dämlich. Der Neid und der Hass rund um Ruth steigt mit jedem Tag exponentiell an. Aber auch die Irren werden von diesem scheinbaren Wunder abgezogen: Eine Runde Nonnen gründet kurzerhand eine neue Glaubensrichtung und kürt Ruth zu ihrer Ausgewählten. Nur Frauen dürfen ihm beitreten und so bildet sich ein tiefer Riss zwischen Ruth und ihrem Mann, der bald sinnbildlich für die gesamte restliche Welt steht. Bis ein schreckliches Ereignis alle zurück in die wahre Realität holt …

Die Kritik

Die Kritik heute mal kurz und bündig zusammengefasst: Genial! Der Handlung liegt keine Teenager-Dystopie zugrunde, sondern ein einfaches, dafür umso schlagkräftigeres Szenario. Das problemlos in die Realität passt, das macht die Vorstellungskraft für das Buch so viel stärker.

Dass man die Hauptperson nach einer Weile nicht mehr leiden kann, dafür aber verstehen, trägt zur abstrakten Attraktivität des Buchs bei. Es ist ein psychologisches Drama, das sich aus der Retrospektive entwickelt und in der Gegenwart immer noch weiterläuft: Erzählt wird auf 2 Schienen. Einmal, wie die Geschichte eigentlich ihren Lauf nahm. Die andere ist die Gegenwart, in der Ruth nun wieder auf dem Anwesen angekommen ist und mit den Geschehnissen zurecht kommen muss. Auf den ersten Seiten weiß der Leser nur, dass die Dürre in etwas schrecklichem kulminiert haben muss. Nach einer Weile ist klar: Ruths Enkel wurde an der Quelle ermordet.

… so viel dann zu kurz und knapp. Sei es als Qualitätsmerkmal des Buchs gesehen, dass man selbst bei bestem Willen nicht „einfach kurz“ was dazu schreiben kann. Ein Buch, das jeden Leser auch nach der letzten Seite noch beschäftigen wird! In Sachen Thriller ein Paradebeispiel für unfassbare Spannung.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Die Quelle. Catherine Chanter.
S. Fischer Verlage. 16,99 Euro.

Share.

About Author