„Nathalie küßt“: Erdrückend entzückend

Verliebt, verlobt, verheiratet… verstorben. Nicht jede Beziehung entwickelt sich zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Aber in Paris gibt es immer eine zweite Chance für die Liebe: „Nathalie küßt“, ab 12.4. im Kino.

 Irgendwann geht’s weiter

Nathalie (Audrey Tautou) verliebt sich in François (Pio Marmaï) und heiratet ihn. Zusammen verbringen sie schöne Zeiten, bis er durch einen Unfall stirbt. Nathalie trauert sehr, geht aber schließlich wieder ihrem Job in einem schwedischen Unternehmen nach, muss die Avancen ihres Chefs Charles (Bruno Todeschini) abwehren, küsst dann aus einem plötzlichen Impuls heraus den Mitarbeiter Markus (François Damiens). Beide finden über kleinere Umwege zueinander und werden glücklich.

Neu? Nein. Aufregend? Nein. Originell? Nein. Aber in seiner gleichnamigen Romanvorlage hat David Foenkinos, ebenfalls Autor des Drehbuchs, diese Alltagsliebesgeschichte auf so luftige, gefällige, hübsch alberne Weise erzählt, dass selbst Hardcore-Antiromantiker bis zum Ende durchhielten. Die Verfilmung hingegen macht es letzteren schwer. Erscheint das Buch leichtgewichtig, ist die Kinoadaption nur noch belanglos. 


Irgendetwas wie Liebe

Hach, wie süß! Pariserinnen wie Nathalie tragen, wenn sie jung verliebt sind, niedliche Pferdeschwänze und Blümchenkleider. Wenn sie hingegen als still trauernde, erfolgreiche Geschäftsfrauen auftreten, wechseln sie zu reizender Lockenpracht und Chanel-Chic. Schweden wie Markus wiederum kombinieren zurückweichendes Haupthaar mit klobigen Schuhen und unvorteilhaften Pullovern. Sie hat Charme und Anmut, er Witz und Freundlichkeit. Dass die beiden füreinander bestimmt sind, würde niemand, der mit den einschlägen Chiffren des Lovestory-Genres vertraut ist, bezweifeln. Aber das rechtfertigt keineswegs David und Stéphane Foenkinos` recht ennuyante Inszenierung, die Vorhersehbarkeit zum Stilelement erklärt.

Eine hübsche Ausleuchtung und Emilie Simons plätschernd-melancholischer Score eskortieren die schlichte Dramaturgie, die scheinbar existenzielle Konflikte wie Verlust und Verzweiflung behandelt, aber eigentlich nur auf „toujours l’amour“ hinaus will. Alles wirkt so betont sensibel, so bewußt humorvoll, daß sich wahre Poesie kaum einstellen will. Vom titelgebenden Feingefühl (im Original „La Délicatesse“) ganz zu schweigen. Da nützt es auch wenig, daß Audrey Tautou mal wieder ganz zauberhaft sein darf und François Damiens mit schüchtern-treuherziger Unbeholfenheit überzeugt. 

Irgendwie substanzlos

Ohnehin überraschen Romantic Comedys, selbst die mit tragischen Akzenten, selten durch Spannung, was im übrigen reale Beziehungen kopiert. Als ziemlich fade, banal und erwartbar erweisen sich die meisten, sodass sie nur die direkt Involvierten berauschen, für Außenstehende allerdings zur pathetischen Qual werden können. 

David Foenkinos ist diesem Problem in seinem Roman geschickt begegnet, indem er die in knapper Sprache geschilderte Handlung durch eingestreute Minikapitel voll trivialer Einwürfe erdet. Scheinbar wahllos ausgesuchte, kurios anmutende Alltagsinfos befreien die Liebesgeschichte von Sentimentalität und verleihen ihr eine interessante ironische Brechung.

Jene Ironie fehlt dagegen der Verfilmung, die so ziemlich jeder narrativen Irritation konsequent aus dem Weg geht. Höchstens ein wenig Skurrilität ist gestattet, etwa wenn der große, entwaffnend überforderte Markus vor der zierlichen Nathalie in Panik davonläuft – und das auch noch unter dem glitzernden Eiffelturm, dem Symbol aller Liebenden. Aber beim Versteckspiel im verträumten Garten der Großmutter finden die zwei sich wieder. Diesmal für immer. 
Es soll Leute geben, die das für unwiderstehlich romantisch halten …

(Nathalie Mispagel)

NATHALIE KÜSST („La Délicatesse“)

Regie: David und Stéphane Foenkinos
Mit Audrey Tautou, François Damiens, Bruno Todeschini, Mélanie Bernier, Joséphine de Meaux
Frankreich 2011 / 108 Min.

Kinostart: 12. April 2012 im Concorde Filmverleih

 

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