Nachts unter der steinernen Brücke

Sehr zu Unrecht ist der große (und großartige) deutschsprachige Phantastik-Autor Leo Perutz nur noch Eingeweihten ein Begriff. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat er sich zuerst mit intelligenten Romanen der Frage nach der Realität gestellt, wurde schließlich aber von dieser selbst eingeholt und musste als österreichischer Jude Mitteleuropa verlassen. „Nachts unter der steinernen Brücke“ gilt als sein bestes Werk, jetzt wird es im Rahmen der Dtv-Reihe „Schauerromane“ neu herausgebracht.

Prag ist der Schauplatz des Romans. © Trixi-H / pixelio.de
Prag ist der Schauplatz des Romans. © Trixi-H / pixelio.de

Zaubermächtige Rabbis, schöne Frauen und verzweifelte Kaiser

In der Prager Judenstadt sterben die Kinder. Der legendäre Rabbi Loew ist sich ganz sicher, dass der Grund dafür bei einer Frau liegt, die ihren Mann betrügt. Als sich auch auf seine öffentliche Bitte hin niemand meldet, verflucht er die Betreffende. Mit Hilfe der Geister der verstorbenen Kinder wird ihm aber klar, dass die Betreffende ohne Schuld ist – die Verantwortung liegt bei ihm. So reißt er nachts unter der steinernen Brücke einen Rosmarinstrauch, der sich um einen Rosenstrauch rankt, aus der Erde und wirft ihn in die Moldau. In diesem Moment fährt der Kaiser Rudolf II. auf dem Hradschin schreiend aus dem Schlaf hoch und in der Judenstadt stirbt die schöne Esther, die Frau des reichen Meisl. 

Mit dieser geheimnisvollen Geschichte steigt der meisterhafte Erzähler Leo Perutz ein in den bunten Mikrokosmos der Stadt Prag. Am Umbruch zwischen 16. und 17. Jahrhundert fährt er ein enormes Personeninventar vom zaubermächtigen Rabbi, über arme Spielleute bis zum Kaiser des römischen Reiches auf. Dabei liest sich jedes der Kapitel zunächst wie eine eigenständige kurze Erzählung vom Vorabend des Dreißigjährigen Krieges. Dabei hängen die Kapitel keineswegs chronologisch zusammen und dennoch gelangt der Leser nach und nach zu einer tieferen Erkenntnis darüber, welche Rollen Rabbi Loew, Mordechai Meisl und seine Frau Esther und der Kaiser in dieser Geschichte spielen. 

Alles Ansichtssache

Eine große Geschichte von Schuld und Sühne, von Erbe und Überlieferung, die sich immer wieder auch selbst in Frage stellt. Im Gegensatz zu vielen von Perutz‘ Geschichten ist es hier nicht die phantastische Ebene, sondern die Realität, die hier immer wieder in Zweifel gezogen wird. Dabei bleibt eines stets sicher und außer Frage: Perutz war ein richtig großer Erzähler, der nach wie vor viel zu Wenigen ein Begriff ist.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Leo Perutz. Nachts unter der steinernen Brücke
8,90 Euro. Deutscher Taschenbuch Verlag (Dtv)

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