Mit gespaltener Zunge

Andrew Wilson: Mit gespaltener Zunge

Ein junger Uniabsolvent kommt nach Venedig und wird Assistent bei einem menschenscheuen, alten Schriftsteller. Als er heimlich beginnt, über die Lebensgeschichte des Autors zu recherchieren, verstrickt er sich immer mehr in einem Netz aus Lügen, Geheimnissen, Liebe, Tod und Verrat. Am Ende fällt es sowohl ihm, als auch dem Leser immer schwerer zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

Auf den Spuren des mysteriösen Gordon Crace

Als der junge Engländer Adam Woods in Venedig ankommt, steht er an einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens. Gerade hat er sein Kunstgeschichtsstudium in London erfolgreich beendet und die Beziehung mit seiner langjährigen Freundin Eliza ist in die Brüche gegangen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten in der Stadt bewirbt sich Adam, mit der Absicht ein Buch zu schreiben, als Assistent bei dem zurückgezogenen, englischen Schriftsteller Gordon Crace. Dieser ist wegen seines Erfolgromans ?Der Debattierclub?, in dem eine Gruppe Schüler aus einem Spaß heraus ihren Lehrer tötet, weltberühmt geworden. Adams neue Arbeit ist allerdings mit einigen seltsamen Pflichten verbunden. So darf er sich beispielsweise immer nur kurzzeitig zum Einkaufen vom Haus entfernen und den Schriftsteller auf keinen Fall auf seinen Roman ansprechen.  

Nachdem Adam zunächst den stark verdreckten Palazzo gesäubert hat, entdeckt er einen Brief, in dem sich eine junge Frau namens Lavinia Maddon an Crace richtet, die seine Biographie schreiben möchte. Adams Neugierde ist geweckt und er beschließt von nun an heimlich selbst die Lebensgeschichte des Autors zu verfassen, was der alte, menschenscheue Schriftsteller aber auf keinen Fall merken darf. Von da ab verstrickt sich Adam immer mehr in eine Art Schauspiel. Während er nämlich heimlich in der Vergangenheit seines homosexuellen Arbeitgebers herumwühlt, spielt er ihm gleichzeitig vor, ebenfalls an Männern interessiert zu sein. Crace, der dadurch immer mehr Vertrauen in seinen Assistenten fasst, erzählt Adam, dass er sich einst in einen Schüler namens Chris verliebt hatte und mit ihm eine Beziehung eingegangen ist.

Zwischenspiel in London

Im zweiten Teil des Romans kehrt Adam einige Zeit nach London zurück, um seine Recherchen im ehemaligen Umfeld des Autors zu vertiefen und sich auch mit Lavinia Maddon zu treffen.

Gleich zu Beginn erfährt der Leser dabei mehr über Adams eigene zwiespältige Vergangenheit und den wahren Grund der gescheiterten Beziehung zu seiner Freundin Eliza. Adam hatte seine Freundin vergewaltigt, aber im Gegensatz zu seinem Umfeld, sieht er sein Vergehen gar nicht ein.

In London angekommen, stürzt er sich in die Nachforschungen über die Vergangenheit von Crace. Er besucht die alte Schule, an der der Schriftsteller als Lehrer tätig war und trifft sich mit Lavinia Maddon, um an ihre Aufzeichnungen über Crace zu gelangen. Von Chris Stiefvater erhält er dessen Tagebuch. Aus den persönlichen Aufzeichnungen des früheren Geliebten von Crace erfährt er, dass der Autor die Idee zu dem Romans ?Der Debattierclub? aus dem wahren Leben von Chris entnommen hat, dessen Vater, der ebenfalls Lehrer an der gleichen Schule war, sich wegen starker Probleme mit einigen Schülern das Leben genommen hatte. Als Chris eines Tages erkannte, dass Crace heimlich seine Lebensgeschichte aufgeschrieben und sein Vertrauen damit missbraucht hatte, beschloss er sich das Leben zu nehmen.

Durch ein Foto entdeckt Adam, dass er selbst eine starke Ähnlichkeit mit dem ehemaligen Geliebten des Autors aufweist. Noch einmal trifft er sich mit Lavinia Maddon zum Abendessen. Nachdem er von ihr alle Informationen erhalten hat, die sie in ihrer Recherchearbeit über Crace gesammelt hat, erschlägt er seine Rivalin und lässt es wie einen Autounfall aussehen.

Im dritten Teil kehrt Adam nach Venedig zurück, Dort kommt es zum dramatischen Finale und einer überraschenden Auflösung aller Verwicklungen. 

©Emes2k; Lizenz: CC-by-sa 3.0/de

Zwischen Realität und Fiktion

Der Roman wirkt an einigen Stellen etwas verworren und manche mysteriösen Hinweise, die der Autor dem Leser gibt, verlaufen leider ins Leere. Insgesamt hat Andrew Wilson mit „Mit gespaltener Zunge“ aber eine spannende Geschichte geschaffen, die sich in vielen Punkten, wie beispielsweise dem Doppelgängermotiv und der unheimlich gezeichneten Figur des Crace, an den Schauerroman anlehnt. Vor allem die überraschende Wendung am Ende ist gelungen. Geschickt verwendet der Autor verschiedene literarische Motive. Dass der Roman in Venedig handelt, welches natürlich auch durch Thomas Mann mit Themen wie Tod, Vergänglichkeit und Homosexualität in Verbindung gebracht wird, ist somit kein Zufall.

Die ganze Zeit über spielt der Autor mit dem Leser, der sich nicht sicher sein kann, wo die Realität aufhört und die Fiktion anfängt. Der Ich-Erzähler ist zu Beginn völlig glaubwürdig, da er ja seine eigene Geschichte zu erzählen scheint. Am Ende jedoch wird alles in Frage gestellt. Was bleibt, ist  nur ein einziges verlässliches literarisches Schriftstück, nämlich der Roman selbst, der von Andrew Wilson verfasst worden ist. Am Schluss ist er es, der alle Fäden in der Hand hält.

 

Titel: Mit gespaltener Zunge

Autor: Andrew Wilson

Seiten: 383

Verlag: Droemer/Knaur (11.März 2010)

 

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