Lana Del Rey: Mehr als eine singende Herrentorte

Es geht schnell mit den Hypes in der heutigen Zeit. Lana Del Rey brauchte nur zwei Songs, die beiden dazugehörigen Videos, in denen sie oft zu sehen war – und natürlich Youtube.

© Nicole Nodland

Wenn man ein „l“ bei Youtube in die Suche eingibt, erscheint als erster Vorschlag „lana del rey video games“. Lana Del Rey faszinierte die Internet-User mit einer großartigen Stimme, dem Look einer Hollywood-Ikone und der Retroästhetik von „Mad Men“ und der Wonderyears Amerikas. Über dreißig Millionen mal wurde das Video von „Video Games“ auf Youtube angesehen, das sie nach eigenen Angaben selbst zusammengeschnitten und ins Netz gestellt hatte. Das dazugehörige Album schoss in allen musikwirtschaftlich wichtigen Ländern auf Platz 1. Wurde jemals schneller ein Star geboren? Allerdings … wurde er wirklich geboren oder nicht eher gemacht? Und wir sprechen hier nicht über die aufgespritzten Lippen der Sängerin, die im Netz schon mehr als genug Beachtung finden.

Lana Del Rey gibt es schon länger – musikalisch und als Person. Geboren wurde sie 1986 als Elizabeth Grant, zuerst aufgetreten ist sie um das Jahr 2003 als Lizzy Grant – und dank des digitalen Gedächtnisses lässt sich das öffentliche Wirken ziemlich gut nachvollziehen. Lizzy Grant hatte zunächst wenig Ikonenhaftes, eher einen gewissen White-Trash-Appeal, den sie durchaus pflegte, indem sie behauptete, in einem Trailer-Park aufgewachsen zu sein.

Nun trat plötzlich eine neue und verbesserte Lizzy Grant ins Rampenlicht und schnell die Hipster-Community auf den Plan, die die Glaubwürdigkeitsfrage stellte. Jaja, ein toller Song und ein tolles Video. Aber dahinter steckt doch die Maschinerie der Plattenfirma! Und überhaupt ist Lana die Tochter eines Internet-Unternehmers und keines „Okie from Muskogee“. Außerdem: Wie ernst könne man eine Musikerin mit aufgespritzten Lippen nehmen? Auch wenn es vielen sicher schwer gefallen sein mochte: Man durfte Lana Del Rey nicht wirklich mögen, sie war schließlich ein künstliches Medienphänomen.

Wie es wirklich war…und vor allem wer …man wird sehen, was man noch erfährt. In jedem Fall war es eine geschickte Inszenierung. Das richtige Produkt zur richtigen Zeit. Das perfekte Stück Zucker für den Feuilletonaffen. Ja, es handelt sich vermutlich um einen gewollten Medienhype. Aber auch einen sehr gut gemachten. Das Gespür für Sehnsüchte und den richtigen Look zur richtigen Zeit, die Mischung aus dem verklärten Blick in die Vergangenheit, gepaar tmit dem Wissen, dass Pornoästhetik längst bei der breiten Masse angekommen ist. Als „Gangsta Nancy Sinatra“ bezeichnete sich Lana Del Rey und damit die Verschmelzung der Dekaden. Die Art, wie Lana Del Rey Social Media und die Kraft von Bildern nutzt, könnte Stoff von Lehrbüchern werden.

Vor mittlerweile fast zwanzig Jahren gab es schon einmal einen Medienhype um eine nun wirklich künstliche Figur. Lara Croft brachte den Gamern, was sie lange vermisst hatten: Sex. Oder zumindest das Versprechen davon. In jedem Fall gab es so etwas noch nie. Später wurde das Videospiel zu einem Film, die Videospielheldin zum Gegenstand etlicher wissenschaftlicher Social Studies und sogar zum Beitrag in den Tagesthemen. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch, dass ich damals mit einemFreund hatte. Es ging darum, ob das Spiel „Tomb Raider“ wegen der offensichtlichen Reize der Protagonistin und demzufolge wegen des Medienrummels so ein Erfolg geworden ist. Er meinte, das spiele gewiss eine Rolle, aber eines sei ganz klar: Eswäre niemals ein Erfolg geworden, wenn das Spiel an sich nichts getaugt hätte.

Ich hole mir – vermutlich bin ich nicht der einzige – morgens gerne ein Stück Gebäck. Ich mache das fast immer in der gleichen Bäckerei. Dort arbeiten abwechselnd, in harten Zeiten auch zusammen, zwei sehr hübsche und zugleich nette und witzige Mädchen. Ich bin mir relativ sicher, dass das auch von anderen Menschen bemerkt wurde. Der Laden brummt und es sind viele Männer unter den Kunden. Trotzdem ist noch kein Hipster aufgetaucht, der etwas von „Bäckereihype“ gefaselt hätte. Und wenn doch, dann würde man sagen: Ja, okay, ich habe selten so gut inszeniertes Backwerk erlebt. Aber wenn das Gebäck nicht köstlich wäre, würde ich dennoch woanders hingehen.

Zurück zum anderen Männertraum Lana Del Rey. Natürlich ist kommerzieller Erfolg kein Gradmesser für Qualität. Und temporäre Berühmtheit kann mittlerweile sogar jemand erlangen, der vor laufender Privat-Kamera vorschlägt, die globale Erwärmung durch das Einschalten von Klimaanlagen zu bekämpfen – sofern dieses Zeitdokument dann bei Youtube landet.

Lana Dey Rey inszeniert und verkauft sich glänzend – oder wird glänzend verkauft, je nachdem wie die Sache nun wirklich laufen mag. Wenn du denkst, du machst eine interessante Sache, dann sei auch interessant. Das kann aber nur funktionieren, wenn Substanz dahinter steckt. Und das ist des Pudels Kern: Lana Del Rey ist eine fantastische Sängerin und Songwriterin und hat ein großartiges Album abgeliefert. Und dank Medienhype haben das glücklicherweise viele mitbekommen.

Lana Del Rey aktuelles Album „Born to die“, erschienen bei Vertigo Berlin (Universal)

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