Kunterbuntes Inseldasein

Mit seinem Großvater Abe hat Jacob ein gutes, wenn nicht sogar interessantes Verhältnis: Von den Nazis verfolgt, floh dieser in die Staaten. Nach seiner Ermordung in dunkler Nacht geht Jacob auf Spurensuche in Wales – er will wissen, was an den Monstern aus Abes Kindheitsgeschichten wirklich dran ist …

Jacob findet seinen Großvater mit tödlichen Wunden in dessen Garten – mit einem Brieföffner wollte er sich gegen die Monster verteidigen. Von diesen Monstern hat Jake schon gehört, nur hat er sie bisher nie ernst genommen. Seit dieser Nacht teilt er sein Leben in vorher und nachher ein. Das Nachher beinhaltet einen bleibenden Eindruck von einem echten Monster, dass aber nur Jake gesehen hat – ihm geht es also wie Abe, dem niemand geglaubt hat. Doch Jake ist jetzt angefixt: Er setzt bei seinen Eltern durch, im Sommer zwei Wochen mit seinem Vater auf einer abgelegenen Insel in Wales zu verbringen.

Es ist die Insel, auf der einst im Krieg ein Kinderheim stand, das von den Nazis verfolgte Kinder bei sich aufnahm. Was Jake erst langsam zu begreifen beginnt: Jedes dieser Kinder hat eine ganz spezielle Fähigkeit und er, Jake, gehört genau wie sein Großvater Abe irgendwie dazu… Lange hat er nicht, bis er eines schmerzvoll lernen muss – die Monster sind ihm durch Zeit und Raum gefolgt, immer auf der Suche nach den Kindern und denen, die diese Kinder beschützen.

Die Kritik

Dieses Buch ist mit eines der besten Fantastik-Bücher, das mir je untergekommen ist – bei knapp 50 Büchern pro Jahr über nicht ganz 20 Lesejahre. Die Idee ist frisch, wird mit anderen Elementen kombiniert und verbleibt dennoch sonderbar nah in der Realität – daher würde ich es auch dem Genre Fantastik zuordnen. Im Zentrum steht ein Junge, was für die meisten Fantasy/Fantastik-Bücher mittlerweile eine Seltenheit ist. Er ist geradezu herzzerreissend normal, was die Bindung zu ihm als Hauptcharakter noch einmal deutlich erleichtert.

Im Übrigen sind alle Bilder, die im Innenteil abgedruckt werden, echt. Also nicht digital hergestellt, sondern in Kleinstarbeit auf Flohmärkten gesucht und erstanden. Da jede dieser Bilder das Vorbild für eine Figur ist, erwächst aus ihnen die Geschichte rund um ganz besondere Kinder, die zusammen das Leben meistern wollen. Was außerdem nicht ganz selbstverständlich ist: Farbe im Buch. Die liebevolle Gestaltung mag mit der eigentlichen Geschichte keinen Einfluss nehmen, wohl aber auf das Lesevergnügen. Neben der Unterhaltung wird genau der zweitwichtigste Faktor bedient: Spaß an der Sache selbst. 

Alles perfekt?

Es gibt einen inhaltlichen Aspekt, der mir zu kurz gekommen ist: Worauf die Kinder verzichten müssen – denn sie hören auf, zu altern. Damit bleiben sie zwischen 6 und 16 Jahren alt. Leben sie daher nicht eher in einem goldenen Käfig? Opfern sie nicht ihre Freiheit, nur um des Überlebens willens? Verliert man nicht irgendwann den Nerv und will mit 88 Jahren kein Kind mehr sein? Hier wäre etwas mehr Sinn- und emotionale Tiefe drin gewesen.

Doch abgesehen davon hat mich das Buch grandios unterhalten und übrigens genau einen Nachmittag an der Isar gehalten, bevor es ausgelesen war. Dass schaffe weder ich noch ein Buch besonders oft. In diesem Sinne: Klare Urlaubslektürenempfehlung von Academicworld!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Ransom Riggs. Die Insel der besonderen Kinder.
Droemer-Knaur. 12,99 Euro.

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