Jagd nach der verschollenen Bundeslade

Historische Tatsache oder Mythos? Die Bundeslade

Jean Fouquet, „La Prise de Jéricho“ (1470-1475)

Handelt es sich bei der Bundeslade um ein historisches Artefakt oder um einen religiösen Mythos? Über das Behältnis, in dem Moses die zwei Steintafeln mit den zehn Geboten aufbewahrt haben soll, ist bis heute kaum etwas überliefert. Damit bietet die Bundeslade bereits seit Jahrtausenden Stoff für Spekulationen und ruft Forscher wie Glücksritter auf den Plan.

Beginn der Forschung: Israel

Innerhalb der Grenzen des heutigen Simbabwe und Südafrika lebt der Stamm der Lemba, die  von sich behaupten, direkte Nachfahren israelischer Sklaven zu sein. Obwohl sie rein äußerlich nicht von anderen schwarz-afrikanischen Ethnien zu unterscheiden sind, haben sie bis heute jüdisches Brauchtum bewahrt. Die Entwicklungen der Lemba scheinen eng verknüpft mit der Geschichte der Bundeslade. Um Hinweise auf dieses Kultobjekt zu finden, setzen die Forschungen in der Altstadt von Jerusalem an.

In „Die Jagd nach der verschollenen Bundeslade“ werden die literarischen Genres der Biographie und des Reiseberichtes eng miteinander verwoben. Der englische Autor Tudor Parfitt hat hier auf über 360 Seiten seine Forschungen zu einem weltbekannten historischen Kulturgegenstand zu Papier gebracht. Der Professor für Orientalistik und Afrikanistik lehrt und forscht an der Londoner Universität; diese Neuerscheinung ist sein zweites in deutscher Sprache erschienenes Buch über jüdische Strukturen auf dem afrikanischen Kontinent.

Phasen der Suche: Ägypten, Äthiopien und Papua-Neuguinea

Schriftrollen und mündlichen Überlieferungen zu Folge könnte die Bundeslade von der arabischen Halbinseln nach Nordafrika gelangt sein. Unter strenger Bewachung jüdischer Priester könnte sie bereits weit vor unserer Zeitrechnung den Nil stromaufwärts bis nach Äthiopien gelangt sein. Obwohl die Hinweise dürftig und die Widersprüche groß sind, reist Parfitt über zwanzig Jahre lang an Orte, wo er weitere Hinweise vermutet. Selbst eine Station weit außerhalb von Afrika – auf der Insel Papua-Neuguinea – nimmt er in seinen Forschungen mit auf.

Erfolge der Anstrengungen: Simbabwe

Und tatsächlich, im Gunstbereich der Lemba scheinen Parfitt und sein Team fündig zu werden. Eine hölzerne Trommel könnte eine originalgetreue Nachbildung der biblischen Bundeslade darstellen. Um diesen Fund nicht nur der Fachwelt, sondern auch der Weltöffentlichkeit vorzustellen, ist dieses populärwissenschaftliche Werk entstanden.

Obwohl die Herangehensweise an die Forschung und die einzelnen Etappen der Reise so spannend beschrieben sind wie ein Krimi, nehmen doch bereits der Klappentext und die Bildsequenzen in der Mitte des Buches viel von den Forschungsergebnissen vorweg. Unerwartet und gleichzeitig erschreckend sind die Erlebnisse, denen das Forscherteam durch die unterschiedlichen Interessen seitens des Judentums und des Islams gegenüber steht. Wenn es um die Beweislage für oder gegen Passagen der Bibel geht, begibt sich Parfitt nicht selten in Gefahr. Ab und an rutscht der Autor aus purem Enthusiasmus in die Fachterminologie und verweilt auch mal etwas länger in seinen theoretischen Herleitungen. Da dies jedoch für Parfitts Schreibstil nicht die Regel darstellt und der Leser den ungezügelten Forscherdrang sicherlich nachvollziehen kann, ergibt dies ein überaus sympathisches Bild des Autors.

Jutta Schönfelder

 

Tudor Parfitt

Die Jagd nach der verschollenen Bundeslade

368 Seiten

16, 90 Euro

dtv – Deutscher Taschenbuch Verlag

 

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