Ist der Ruf erst ruiniert …

Mr. und Mrs. im Unglück vereint.

England, kurz nach 1910. Christopher Tietjens erscheint seiner Umwelt als stocktrockener Aristokrat, doch gerade hat er spontan einen kleinen One Night Stand mit einer Dame namens Sylvia im Zug hingelegt. Prompt wird sie schwanger und es folgt die Hochzeit – obwohl nicht ganz sicher ist, dass Christopher wirklich der Vater ist. Doch er hält sich starr an seinen selbst auferlegten Moralkodex, sodass er sich nicht einmal von Sylvia scheiden lässt, als diese einige außereheliche Eskapaden auf den Höhepunkt treibt. Dann trifft er auf die junge Valentine, darf sie aber weder berühren noch in der Öffentlichkeit auch nur länger anblicken. Dennoch berührt ihr Wesen sein Innerstes und stürzt ihn so in einen tiefen Zwiespalt – und dann funkt auch noch der Erste Weltkrieg gehörig dazwischen …

Die Kritik

Insgesamt gibt es zwei richtige Hauptrollen und eine fast-Hauptrolle, die jede für sich ganz einzigartig ist. Dabei gibt es keine, die rein gut oder ein bestimmter Anti-Held ist. Selbst Sylvia, die anfangs als die Lebedame dargestellt wird. Sie steht neben ihrem Ehemann, ist das sprühende Leben und erreicht bei ihm gar nichts. Keine Emotion, keine nennenswerte Reaktion, nicht einmal eine Entgleisung der Gesichtszüge. Danach sehnt sie sich am meisten, weil sie sonst nur neben und nicht mit ihm lebt. Doch egal was sie anstellt, um ihn aus der Reserve zu locken, nichts gelingt. Doch sie ist eine starke Frau, die ihr Schicksal zu tragen und zu würzen weiß und fungiert damit durchaus auch als Vorbild.

Die neue Generation steht bereit – in Form der jungen Valentine.

Christopher ist Teil der alten Generation – Ehre, Moral, Standhaftigkeit sind überlebenswichtige Werte. Vor allem in einer Welt, in der ein einzelnes Gerücht ein ganzes Leben zerstören kann. Die junge Valentine ist seine Konfrontation mit der neuen Generation, mit der er intuitiv gut kann. Seine Erziehung und sein bisheriges Leben aber lassen ihn in einer Art Starre verharren, die leicht dazu führen könnte, dass er den Anschluss verliert. Seine Rolle steht für den gesellschaftlichen Wandel in England vor und während des Ersten Weltkriegs: Die finale Abkehr von der Aristokratie, das Versinken derselbigen in die fast-Bedeutungslosigkeit. Damit er nicht als bedauernswertes Schicksal im Graben landet, muss er einen Weg zwischen seinen Werten und dem turbulenten Leben an sich finden.

Valentine ist das Gesicht der nachwachsenden Generation, die sich zwischen Kommunisten, Pazifisten, Kriegstreibern, Kapitalismus und Sozialismus wiederfinden und plötzlich vor der Wahl stehen: Nicht nur mit dem Frauenwahlrecht, sondern dem Leben an sich. Alte, vorgegebene Wege werden ausgehebelt und ihre Möglichkeiten steigen an. Nur – was macht man mit so viel Freiheit? Feststellen, dass sie gar nicht so weit reicht wie gedacht, denn die Mitmenschen gehören oftmals noch der alten Generation an. Nicht nur die müssen sich mit den Jungen arrangieren, auch andersherum werden Kompromisse und mutige Entscheidungen fällig.

Trotz dieser drei Blickwinkel bleibt die Serie auf dem aristokratischen Level hängen und vernachlässigt ein insgesamt differenziertes Gesellschaftsbild.

Ein Kritikpunkt an der Serie ist inhaltliuch gesehen die Sprunghaftigkeit. Sicherlich werden innerhalb von sechs Folgen mehrere Jahre durchlaufen, doch gerade bei der ersten Episode springt die Handlung mal vor, mal zurück und dann wieder in die Gegenwart. Bei diesen Szenen ist nicht immer gleich ersichtlich, in welcher Phase der Zuschauer sich gerade befindet, sodass manchmal eine leichte Irritation auftritt, bevor man sich wieder in die Handlung vertiefen kann. Wie diese zu Ende gestrickt wird, ist nicht unbedingt überraschend, hält aber den guten Ton und den Stil, den die gesamte Serie ausstrahlt. Wie wir alle wissen, geht der Erste Weltkrieg einmal vorüber und es wird Zeit für „Parade’s End“. Es gibt kein unnötiges Drama und Gezeter, vielmehr präsentieren sich alle sechs Folgen in einem zurückgehaltenen, fast schon noblen Stil. Unterstützt wird dieser Eindruck von Hintergründen, Szenerien und Outfits: Optisch gesehen wird BBC wieder seinem Ruf gerecht und legt ein opulentes Werk vor, das den Augen schmeichelt.

Fazit: Die Serie ist für diejenigen super geeignet, die sich für gesellschaftliche Prozesse und manchmal eben auch moralische Fragen interessieren.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Parade’s End
6 Episoden

Seit dem 25. August als BluRay und DVD im Vertrieb der polyband GmbH im Handel erhältlich.

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