Hic sunt Dracones

Die Überschrift ergibt übersetzt den Buchtitel: Hier sind Drachen. Das haben Seemänner auf die weißen Bereiche der Seekarten geschrieben, denn sie waren unbekanntes Gebiet. Fühlt sich diese Welt, die im Terrorismus gefangen scheint, nicht ähnlich unbekannt an?

Caren hat Glück. Eigentlich hätte sie im World Trade Center gearbeitet, als die Flugzeuge in die Türme gelenkt wurden. Beim Marathon in Boston hat sie sich nur einige Blocks entfernt von den Attentaten mit ihren Freunden getroffen. Bei Paris war sie ebenfalls nahe am Geschehen. Je suis Charlie? Von wegen. Für Caren ist das zu viel Zufall. Sie weiß gar nicht mehr, wie sie das emotional alles aufarbeiten soll. Auch jetzt sitzt die Journalistin wieder mal an einem Flughafen und das Flugzeug verspätet sich. Als dann Stück für Stück mehr bewaffnete Polizisten und sogar der Leiter der Flugschutzbehörde auftauchen, wähnt sie sich in einem immer wiederkehrenden Albtraum. Schon wieder so etwas in der Art. Neben ihr sitzt ein älterer Mann, den sie kurzerhand Wittgenstein tauft – nach dem Buch, das er gerade liest. Er verwickelt sie in eine Unterhaltung, die sie ziemlich in den Bann zieht – und den Leser auch.

Unsere Realität wird zum Spiegel

Wir leben in der exakt gleichen Welt wie die Protagonistin. Wir kennen die Szenen, die sie gesehen hat und wir saßen vielleicht auch schon mal in den gleichen Flughäfen. Insofern stellt man sofort eine Beziehung zur Hauptperson her. Dass wir uns die gleichen Fragen stellen, unterstützt das ganz erheblich.

Im Fokus des Buchs stehen zwei Aspekte: Die Beziehung von Caren zu Ben, die polyamourös ist – Ben hat also eine zweite Freundin, alle wissen darüber Bescheid und akzeptieren es. Ist es das Rezept für wahrhaft glückliche Beziehungen in dieser unruhigen Welt? So viel Freiheit wie möglich, aber trotzdem nicht alleine sein? Der zweite Aspekt ist die lange Unterhaltung mit Wittgenstein. Dieser Dialog ist sehr anspruchsvoll und bedarf der Aufmerksamkeit. Aber just, wenn er in prätentiöses möchtegern-intellektuelles Gerede abzurutschen droht, kratzt die Autorin die Kurve. Soll heißen: Man muss als Leser nicht gegen die Story und um das Verständnis kämpfen, was mir persönlich sehr gut gefallen hat.

Ist es eine Frage der Wahrnehmung?

Worauf will die Geschichte hinaus? Diese Frage lässt sich aus meiner Sicht gar nicht so richtig beantworten. Denn Die Welt wird bleiben, wie sie ist. Zumindest für die nächsten paar Jahre wird das Wort Terrorismus so schnell nicht aus unseren Köpfen verschwinden. Vielleicht müssen wir deswegen unsere Wahrnehmung ändern. Das muss Caren nämlich auch, denn am Ende erfährt sie einige Wahrheiten, die vor ihr lagen und von ihr nicht erkannt wurden, weil sie es unterbewusst nicht wollte.

Das Buch hat mich sehr beschäftigt – im positiven Sinne. Daher kann ich an dieser Stelle nur eine absolute Lesempfehlung aussprechen.


Bettina Riedel (academicworld.net)

Husch Josten. Hier sind Drachen.
Berlin Verlag / Piper. 16,00 Euro.

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