Ganz nebenbei in eine Katastrophe?

Mark und Karen lernen sich bei einem arrangierten Date kennen und glauben, ineinander verliebt zu sein. Sie folgen dem Pfad, den die Gesellschaft vorgibt, ziehen zusammen, heiraten und bekommen ein Kind: Heather. Um sie dreht sich bald der gesamte Kosmos von Karen, wogegen Mark versucht, die Familie insgesamt nicht aus den Augen zu verlieren. Bobby hingegen wächst unter einer drogensüchtigen Mutter heran und landet schnell für einige Jahre im Knast. Als er rauskommt, trifft er auf Heather – und nimmt sie in sein gewaltinfestiertes Visier. Steuern die Charaktere auf eine Katastrophe zu oder würde sie sich eventuell sogar selbst verhindern?

Die Kritik

Es ist ein recht kurzes Buch, das sich an einem entspannten Nachmittag lesen lässt und in dem trotzdem jede Menge Inhalt steckt. Bobbys Lebenslauf ist der eines klassischen Straftäters, der durch das Aufwachsen bei seiner veranwortungslosen Mutter geprägt ist. Aber heißt das, dass er unbedingt als Sträfling enden muss? Den krassen Gegensatz dazu bildet die Familie mit Heather als emotionalen Höhepunkt. Sowohl Karen als auch Mark folgen geradezu verbissen den gesellschaftlichen Vorgaben für ein anerkennens- und genauso vergessenswertes Leben. Beide sind ebenso wie Bobby stark von ihren Eltern beeinflusst, wie man als Leser schnell merkt. Insifern liegen Bilderbucheltern und Drogenkind sehr nahe beieinander … Heather hingegen ist davon frei, beobachtet sich und die Gesellschaft vergleichsweise objektiv und sehnt sich nach dem „Mehr“ im Leben. Wenn sie und Bobby aufeinandertreffen, wird die Entwicklung der Geschichte erst richtig spannend: Wie werden die beiden sich gegenseitig beeinflussen?

Das Ende ist sehr bezeichnend und sowohl frustrierend als auch aussagekräftig. Überhaupt sitzt jeder Satz in dieser Geschichte und erzählt völlig ohne Schnörkel die Geschichte der vier Menschen, die mit jedem Wort auf eine scheinbare Katastrophe zusteuern. Der Schreibstil ist relativ eigenwillig, aber eingängig. Da gibt es keine Seitenhandlung, sondern nur eine sehr zielführend verfasste Geschichte, was den Druck auf das Ende immer stärker erhöht, denn wenn es nebenher keine Geschichte gibt, gewinnt das Finale an Bedeutung. Das ist in diesem Fall auch absolut richtig so, denn auch ohne zu spoilern: Sozialer und menschlicher Verfall unterscheidet bei seinen Opfern nicht zwischen reich und arm.

Die einzige Kritik gilt der Bindung des Buchs: Geht man nicht äußerst (!) sorgsam damit um, knackt es recht schnell und die einzelnen Seiten lösen sich leicht aus der Bindung. Wird es mehrfach gelesen, wie es bei guten Büchern so ist, dürfte sich das deutlicher auswirken.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Alles über Heather. Matthew Weiner.
Rowohlt Hundert Augen. 16 Euro.

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