Ernüchterndes Porträt einer Ehe

Elizabeth ist eine junge Waise, die ihr Erbe erst erhält, wenn sie 30 Jahre alt ist. In der Zwischenzeit gondelt sie in Hong Kong und Umgebung herum, bis sie Edward kennenlernt. Er ist Anwalt und hat eine steile Karriere als Richter vor sich. Beide wurden in der damaligen britischen Kolonie geboren und aufgewachsen. Nach ihrer etwas überstürzten Hochezit zieht es sie zunächst zurück nach London, wo sie jedoch nicht richtig glücklich sind und sich nach der Heimat ihrer Kindheit sehnen. Für Elizabeth ist diese Ehe ein bewusster Schritt ins Erwachsenwerden, das sie anstrebt, weil man es wohl irgendwann tun muss. Für Edward ist die Ehe eine Liebesheirat und er würde so ziemlich alles für seine Betty machen. Trotz der Widrigkeiten haben sie einen langjährigen, gemeinsamen Weg vor sich.

Die Kritik

„Eine treue Frau“ ist ein Buch, das nicht unbedingt für eine jüngere Generation geeignet ist. Im Kern geht es um eine Ehe, die von ihrer Seite als Vernunftehe und von seiner Seite als Liebesheirat ihren Lauf nimmt. An sich ein hochemotionales Thema, das man aber so gar nicht wahrnimmt.

Der Fokus liegt eindeutig auf Elizabeth, die sich an Edward klammert wie an ein Ticket aus der Armut. Selbst die Fehlgeburt ihres Kindes löst beim Leser keine Emotion aus. Ist das das Resultat einer Gesichte, die so „very british“ wie möglich erzählt werden soll? Was sie jedenfalls bewirkt – vor allem bei der jüngeren Generation – ist die Bestätigung der eigenen Wünsche, die der Gen y, x und Z immer gerne vorgehalten werden: Lieber etwas beenden, was nicht zum Glück führt. Vielleicht lieber etwas Verrücktes tun, als die Sicherheit zu bevorzugen. Nicht krankhaft an etwas festhalten, das keine Bedeutung hat. Das Streben nach persönlichem Glück. Und zuzugeben: Wir sind Menschen, wir haben Emotionen und das ist okay so.

Insofern fungiert der Roman ein wenig als genau das Vorbild, das man auf gar keinen Fall haben möchte. Noch dazu, weil es sich um die „glorreiche“ Zeit der Briten mit ihren vielen Kolonien handelt und sie sich wie die Könige der Welt fühlten (und mancherorts benahmen). Die einzige Emotion, die der Leser zu spüren bekommt, ist die Trauer der beiden, als die Kolonie 1997 an China übergeben wird und damit dem Königreich sozusagen „entrissen“. Das lässt den Leser grübeln, denn dieses Verhalten ist so weit weg von dem der Generationen X und Z, dass man sich durchaus etwas freut zu bemerken, wie sich die Welt weiterentwickelt haben muss.

Durch die krasse emotionale Distanz der Charaktere bekommt man als Leser wenig Bezug zu den beiden Hauptpersonen, die übrigen Charaktere haben schon gar keine Relevanz mehr. Das ist super schade, denn es mildert den Antrieb, das Buch überhaupt lesen zu wollen.

Das Fazit: Ein sehr trockenes Buch, keine Spannung in der Handlung, zwischenmenschlich und emotional eher negativ besetzt. Technisch gut geschrieben, aber das reicht nicht für eine Leseempfehlung.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Jane Gardam. Eine treue Frau.
dtv. 10,90 Euro.

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