Eis-Saison

Es heißt, die letzte Eiszeit hätte vor rund 10.000 Jahren ihr Ende gefunden. Wer das behauptet, ist offenbar schon länger nicht mehr im Kino gewesen! Dort erweist sich die Animationsreihe „Ice Age“ seit 2002 gewissermaßen als Dauerbrenner. Ab dem 2.7. erobert der vierte Teil die Leinwände, kommt qualitativ dabei aber leicht ins Rutschen.

Ice Age 4 - Rezension

Cooles Team, kühl kalkuliertes Drehbuch

Einst waren sie die krasseste Herde im ganzen Eiszeitalter: Manni, das brummig-zuverlässige Mammut, Diego, der gerissen-elitäre Säbelzahntiger und Sid, das chaotisch-treuherzige Faultier. Im Laufe der Zeit bzw. der filmischen Fortsetzungen kamen eine Reihe von Protagonisten hinzu, die jene herrlich verschrobene Schar aus Individualisten in konventionelle Patchwork-Familienstrukturen presste. So beginnt „Ice Age 4“ auch mit höchst faden Konflikten zwischen Manni und seiner Tochter Peaches, die wiederum mit den ebenso ermüdenden Pseudo-Konflikten von Halbwüchsigen kämpft. Dabei läßt ihre flotte, unter (menschlichen) Teenys gerade angesagte Seitenscheitel-Frisur keinen Zweifel daran, bei welchem Zielpublikum sich hier angebiedert wird.

Glücklicherweise findet zeitgleich ein Kontinentaldrift statt, weswegen Manni, Diego und Sid auf einer Eisscholle fort von zu viel Familiendrama in die weite See geschwemmt werden. Ganz fort allerdings nicht, weil sich unter ihnen Sids enervierende Großmutter – keine Manieren, keine Zähne, dafür Alzheimer-Ambitionen – befindet. Anstatt diese Konstellation zu nutzen, um sich wieder dem brillanten Figuren- sowie Erzählpurismus des ersten Teils anzunähern, setzen die Drehbuchautoren Michael Berg und Jason Fuchs auf tolldreiste, das Genrekino parodierende Abenteuer mit noch mehr Personal.

Eine Welt auf Schlitterkurs

Der ‚Fluch des vierten Teils‘ ist spätestens seit Indiana Jones bekannt. Auch „Ice Age 4“ bleibt davon nicht verschont. Allein die 3D-Technik schadet der Dramaturgie, weil sie nichts Erhellendes zur Geschichte beiträgt, andererseits die teils penetrant auf den dreidimensionalen Effekt schielende Inszenierung von Steve Martino und Michael Thurmeier dominiert. Unnötigerweise im übrigen, birst der Film doch geradezu vor visuellen Ideen. Neu im eiszeitlichen Kosmos ist eine Piratentruppe, die auf einem Eisberg als Schiff ihre Kaperfahrten unternimmt, einen Dachs mit ‚Jolly Roger‘-Muster im Fell als Flagge hißt und zuletzt von einem gigantischen Pottwal mit Wasserstrahl-Torpedofunktion besiegt wird.

Eben das zählt neben der High End-Computertechnik zur Qualität aller „Ice Age“-Filme, dass sie zwar den Naturalismus streifen, etwa bei der Darstellung von eisigen Landschaften oder von Pelzdetails, ansonsten aber lieber ihrem schrägen Eis-Universum huldigen. Und diese Welt ist ständig in Bewegung. Da wird ein Gletscher zur Riesenrutsche umfunktioniert, die Entstehung Nordamerikas ganz lässig mit dem Versinken von Atlantis kombiniert oder in einer schlichtweg geologisch-genialen Sequenz die Plattentektonik durch das misslungene Eingraben einer Nuss beeinflusst. Verursacher ist natürlich mal wieder Scrat, das cholerische Urzeit-Eichhörnchen.

Glattes Entertainment

Scrat, ein Meister komischer Körperdeformation, personifiziert das Maskottchen von „Ice Age“. Seine obsessiven Kämpfe um die ultimative Nuss haben sich mittlerweile verselbständigt, was kaum auffällt, besitzt die Story diesmal ohnehin keine innere Kohärenz. Der Wunsch von Manni, Diego und Sid, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, wird als reine Bewegung zum Motor aller Ereignisse. Die sich daraus ergebende Episodendramaturgie läßt keine Entwicklung der Charaktere zu, und es drängt sich der Eindruck auf, ihre einstige Originalität hätte sich womöglich erschöpft. Ersetzt wird sie durch vermehrte Action, eine völlig überflüssige Musicaleinlage und wiederholte Verweise auf die (populäre) Kultur. Selbst Filmkomponist John Powell bedient sich abgegriffener musikalischer Chiffren, wenn er gelegentlich Takte aus Beethovens 9. Sinfonie zitiert. 

Ice Age 4 - Rezension

Zweifelsohne darf diesem spielerischen Kino-Mix ein hoher Unterhaltungswert zugesprochen werden, ist er doch mit urigem Wortwitz und rasanter Situationskomik angereichert. Wunderbar schrullig etwa, als Sids Oma nach Jahren ihr erstes Bad im Ozean nimmt, dabei eine mittlere Umweltkatastrophe mit Ölteppich und toten Fischen auslöst – samt ersticktem Hai! Gleichwohl wirkt „Ice Age 4“ ein bißchen wie Jahrmarkt: Jeder Schuß ein Treffer, aber letztendlich alles Platzpatronen. Oder anders: Jede Menge Lacher, aber kaum Schmunzeln.

Etwas Anarchie zum Dahinschmelzen

Dabei haben Manni (deutsche Stimme: Arne Elsholtz), Diego (wohltönend: Thomas Fritsch), Sid (glorreich keck:Otto Waalkes) und ganz klar Scrat das Zeug zum Kult. Als anthropomorphisierte Tiere stehen sie für eine ziemlich absurde Urzeit, die man sich in dieser Form hervorragend als Vorstufe (ebenso konfuser) menschlicher Zivilisation vorstellen kann. Sowieso wird in „Ice Age 4“ ständig mit den Erscheinungsformen unserer Moderne jongliert, eben nur unter prähistorisch-persiflierenden Vorzeichen. Am Ende erreichen die zwei- bis vierbeinigen Protagonisten gar eine Art gelobtes Land mit ‚Statue of Liberty‘ … die eindeutig einem überdimensionalen Meerschweinchen ähnelt! 

Da ist sie wieder, jene ungezwungene Anarchie, die dem „Ice Age“-Franchise bislang windschiefen Charme verlieh. Auch wenn der vierte Teil gütemäßig nicht mehr nahtlos daran anknüpfen kann, ist er immer noch amüsanter als eine echte Eiszeit. Vor allem wesentlich kürzer.

(Nathalie Mispagel)

Ice Age 4 – Voll verschoben

Regie: Steve Martino, Mike Thurmeier
Stimmen: Thomas Fritsch, Otto Waalkes, Michael Iwannek 

Im Verleih von  20th Century Fox

  

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