Einsamkeit in Geist und Herz

Ein junger Mann kürt scheinbar willkürlich einen älteren Man zu seinem Sensei. Der scheint eine große Last auf seinen Schultern zu tragen und ist ziemlich unwillig, das Wissen darüber zu teilen. Kokoro – der Klassiker von Natsume Soseki im neuen Buchgewand!

Ein junger Mann in Japan trifft um die Jahrhundertwende auf einen älteren, der ihn sofort fasziniert. Im gleichen Moment beschließt er, ihn als „Sensei“ zu betrachten. Fortan folgt er ihm, versucht ihn in Gespräche zu verwickeln und ihn quasi auch offiziell zu seinem Mentor zu machen. Doch der Sensei ist ein rätselhafter Mensch, der sehr zurückgezogen lebt. Je weniger er von sich und seiner Vergangenheit mitteilt, umso gespannter ist der junge Student und lässt einfach nicht mehr locker. Wer ist dieser Mann, der keinen Beruf ausübt, aber trotzdem einem Gelehrten gleicht? Der die Liebe so verabscheut und doch eine Ehefrau hat, der er zugeneigt ist?

Die Kritik

So knapp wie die Inhaltsangabe ist, so ruhig ist das Buch. Die Ausgangssituation ist eine relativ simple und es gibt nicht viel körperliche Handlung, die das Geschehen vorantreibt. Der Fokus des gesamten Buchs liegt auf den Gedankenwelten zweier Hauptcharaktere. Vielleicht auch drei, wenn man die Frau des Sensei mit einbezieht. Der Autor nutzt einen älteren und einen jüngeren Mann, um kurz nach der Jahrhundertwende zwei Generationen einander gegenüber zu stellen. Der ältere verbringt sein Leben als Erwachsener vollkommen unglücklich: Es beginnt mit dem Tode seiner Eltern, dem Betrug innerhalb der Familie und wächst sich meiner Ansicht nach zu einer handfesten Depression aus. Diese wird dadurch befeuert, dass sein engster Freund verstirbt und der Sensei darüber starke Schuldgefühle verspürt.

Warum folgt der Jüngere ihm dann so beharrlich? Eines, was man sich von einem Sensei oder auch Mentor erwartet, ist Rat und Führung. Kurz mag man versucht sein zu sagen, dass der Sensei nichts davon bieten kann, doch dem ist nicht so. Statt dass er durch tiefschürfende Gespräche konkrete Lebensratschläge gibt oder die Weisheit in Kellen an die Öffentlichkeit verteilt, ist sein gesamtes Leben der Ratschlag, wie man es vermutlich eher nicht machen sollte. Denn er hatte im Endeffekt keine führende Instanz mehr in seinem Leben: Eltern verstorben, bester Freund verstorben, die Familie durch den Betrug entzweit. Er steht vollkommen alleine für sich und damit kommt er nicht zurecht – denn kein Mensch ist eine Insel, auch nicht in Japan.

Dann kommt der große Befreiungsschlag: Der Sensei schreibt dem jungen Mann einen extrem langen Brief, in dem er alles rund um sich und seine Eigenarten erklärt. In diesem Text wird eines überdeutlich klar – bedingt durch diese frühzeitige Einsamkeit hat er Probleme in der Kommunikation mit seinem gesellschaftlichen Umfeld. Er hätte sich viel Leid ersparen können, hätte er sich getraut, den Mund zu öffnen und von sich zu erzählen. Seien es die aufkeimenden Gefühle, seine Trauer, Angst oder das eigene Unvermögen (und auch später den fehlenden Drang), den Sinn des Lebens zu entschlüsseln – er lebt sein Leben in Einsamkeit, behält es alles für sich und verschließt sich so immer mehr. Damit nimmt er nicht nur sich selbst die Möglichkeit, sich seiner Frau und der Welt zu öffnen. Er beraubt auch seine Umwelt um den Zugang zu ihm. Der junge Mann dagegen spricht viel und ist redlich bemüht, den Sensei zu knacken. Immer wieder dringt er auf ihn ein und lässt nicht ab. Er wartet nicht auf eine Einladung des älteren Mannes, sondern erscheint einfach einige Tage nach dem letzten Gespräch wieder bei ihm.

Das passt ganz wunderbar in den historischen Kontext, wie das Nachwort es offenlegt: Die Jahrhundertwende war in etwa die zeitliche Grenze, in der Japan sich mehr der Moderne öffnete und Romane überhaupt stärker ins Zentrum der literarischen Aufmerksamkeit rückten. Diesen Wandel mit zwei Generationen und dem Thema der Kommunikation in einem Roman plus integrierten Brief zu beschreiben, trifft den Nagel absolut auf den Kopf. Den Roman dann „Kokoro“, also „Herz“ zu nennen, ist das i-Tüpfelchen.

Das Buch erschien zuerst 1914 und ist mittlerweile das meistgelesene Buch Japans. Wer von einem Vertreter der größten Weltliteratur nun unverständliche Sätze oder komplizierte Wortkonstruktionen erwartet, wird „enttäuscht“ – denn das Buch liest sich überraschend flüssig und ist leicht verständlich. Und das, obwohl der Großteil aus Gedankengängen der beiden Männer besteht – sensationell!

Äußerlich ein kleiner Hinweis für Manesse-Neueinsteiger: Das Buch kommt in einem sehr handlichen Format (etwa DIN A6), ist in Stoff gebunden und verwendet sehr hochwertiges Papier. Der Preis hierfür ist also gerechtfertigt und so eignet sich das Buch sowohl exzellent zum Verschenken als auch zum Aufbau einer eigenen, kleinen und feinen Bibliothek der Weltliteratur.
Fazit: Klare Empfehlung für alle, die gerade keine Lust auf Krimis oder Vampire haben und die Nase gerne mal in die Gedanken anderer Menschen stecken würden – auf eine literarisch ansprechende Art!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Natsume Soseki. Kokoro.
Manesse Verlag. 24,95 Euro.

Share.

About Author