Die zweite Seite der Medaille

Es sind zwei einzelne Schicksale, mit denen die Autorin Olga Grjasnowa den Krieg in Syrien in Worten richtiggehend illustrieren möchte – und geht mit dieser beklemmend realistischen Darstellung richtig tief unter die Haut.

Der Arzt Hammoudi und die junge Schauspielerin Amal sind beide in Syrien geboren. Sie ist die Tochter eines reichen Mannes, der wenn nicht politisch, dann aber finanziell mit dem syrischen Regime auf gutem Fuße steht. Das nutzt natürlich auch Amal, dennoch geht sie auf Demonstrationen, fordert die Revolution und wird als Feindin des Regimes identifiziert – es folgt ein Kidnapping mit Folter, Spione des Regimes im Freundeskreis, ein Steckbrief mit ihrem Gesicht und Unsummen an Bestechungsgeld, damit Amal wieder nach Damaskus zurückkehren kann. Doch aus der Revolution entsteht ein brutaler Bürgerkrieg, dem tausende Menschen innerhalb weniger Tage zu Opfer fallen – Amals eigene Zukunft wird immer ungewisser. Ganz nebenbei lernt sie Hammoudi kennen, doch ihre Bekanntschaft bleibt so lose wie das Treffen flüchtig. Hammoudi hat in Paris Medizin studiert und wollte nur für einen Kurzurlaub nach Syrien zurückkehren – und um seine Familie zu besuchen und seinen Pass verlängern zu lassen. Danach möchte er zu seinem Pariser Leben und seiner Freundin zurückfliegen, doch die Behörden machen ihm einen Strich durch die Rechnung: Der Pass wird nicht verlängert. Notgedrungen schleppt Hammoudi sich durch die langweiligen Tage, lange Familienfeste, Hitzewellen und gefährliche Gespräche über den sogenannten Arabischen Frühling. Er erkennt, dass sich die Lage zuspitzt und möchte am Liebsten das Land verlassen. Doch er bleibt – und steht als Arzt plötzlich direkt an der Front der Grausamkeit.

Die Kritik

Das Buch hat mehrere Themen, die zur Sprache gebracht werden und gar nicht zeitgemäßer sein könnten. Jetzt, wo Trumps Reisebann in Teilen geltendes Recht ist, erleben amerikanische Syrer ihre Geschichte erneut in der Gegenwart: „Feindliche“ Menschen dürfen die Grenze nicht überschreiten. Was als „feindlich“ gilt, schreibt in Syrien das Regime vor. Genau das passiert einer der beiden Hauptpersonen und beleuchtet es aus einer anderen Sicht. Überhaupt ist das Buch ein wahnsinnig gutes Beispiel dafür, als Leser mal die Position zu wechseln. Denn es illustriert auf so einfache, aber extrem deutliche Art, wie der Krieg ein Land innerhalb kurzer Zeit schlichtweg komplett überrennt und alles aus den Fugen hebt – selbst wenn es dort festgeschraubt wird.

Auffällig ist, dass beide Hauptprotagonisten aus einer sehr guten Schicht entstammen und über Geld verfügen. Warum hat die Autorin diese Wahl getroffen? Ihre Charaktere den sozial Schwachen zuzuordnen, würde natürlich keinen Sinn machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese in den ersten Tagen gestorben wären, ist viel zu hoch (so zumindest die Beschreibung km Buch). Außerdem hätten sie es finanziell kaum überhaupt in Betracht ziehen können, das Land zu verlassen. Anders gesagt: Wenn selbst die gut situierten Personen mit absolut nichts in der Hand in Europa angekommen sind – wie muss es dann erst der normalen Bevölkerung ergangen sein? Eine wichtige Frage, die die Autorin mit ihren Hauptpersonen aufwirft. Gleichzeitig hält sie ein wenig den Spiegel vor: Wer nur Flüchtlinge sieht und sagt, vergisst, wer wirklich dahinter steckt – Menschen wie du und ich, Einzelschicksale mit Liebe, Freunden, Feinden, Spaß, Angst und nur relativ selten einem politischen Bezug. Denn die Syrer hatten zum Großteil keine Wahl, der Krieg kam schnell und gnadenlos über sie. So viele Seiten, auf die sie sich schlagen konnten, hatten sie gar nicht.

Dazu gibt die Autorin einige Botschaften mit, die sich unterschiedliche Leser vermutlich genauso unterschiedlich erschließen werden: Das (eine) abrupte Ende könnte man mit „Das Leben ist kurz“ titulieren, das andere mit „Geld allein macht nicht glücklich“ oder „Freunde sind die Familie, die man sich aussucht“. Das schnelle und harte Ende ist insgesamt der Geschichte angemessen, denn als Leser kommt man so nicht umhin, sich weitere Gedanken zu machen. Und wie findet eine solche Geschichte überhaupt ein Ende, ohne in eine komplette Biografie von Hammoudi und Amal auszuarten?

Fazit: Eine persönliche und effektive Art, die Kehrseite der Flüchtlingsströme zu betrachten. Ein Spiegelbild, das sich jeder hierzulande mal „gönnen“ sollte.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Gott ist nicht schüchtern. Olga Grjasnowa.
Aufbau Verlag. 22 Euro.

 

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