Die Welt trinkt Almdudler

Jedenfalls die, die Hannes Stein in seinem geistreich Roman gewordenen Gedankenexperiment „Der Komet“ schildert. Hier hatte nämlich das Attentat von Sarajewo 1914 keinen Erfolg. Es gab folglich keinen 1. Weltkrieg, auch keinen 2. , keinen Kalten Krieg …

Die Welt trinkt Almdudler
Dunkle Wolken brauen sich plötzlich über Wien zusammen. © Andreas Dengs/pixelio.de

Der berühmte Schmetterling

„Was wäre, wenn …“ – derlei Gedankenexperimente erfreuen sich seit jeher großer Beliebtheit in Literatur und Film. So liebevoll und detailliert ausgearbeitet wie im Fall von Hannes Steins „Der Komet“ fällt das Ganze aber selten aus. Stein hat hier die ultimative Utopie geschaffen. Weil der österreichische Thronfolger nach dem ersten Attentatsversuch mit dem Satz „I bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus“ auf den Lippen Sarajewo den Rücken kehrte und also überlebte, kam es nie zur Eskalation des 1. Weltkrieges. In Folge dessen blieb auch der 2. aus und Amerika konnte sich nie zur weltumspannenden Großmacht aufschwingen. Noch zur Zeit des Romans (um den Jahrtausendwechsel) gelten die USA als Land der kulturlosen Hinterwäldler. Im Nahen Osten gibt es ebenfalls keine größeren Probleme. Nie wären die mitteleuropäischen Juden auf den Gedanken verfallen in Scharen der Heimat  zu entfliehen. Überhaupt gibt es keine nennenswerten Religionskonflikte. Die politische Gliederung entspricht weitestgehend noch der von 1914. Nur sind die Monarchien längst konstitutioneller Art. Das kulturelle Herz Europas schlägt in Wien, dafür haben die Deutschen schon seit den 50er Jahren den Mond kolonialisiert.

In dieser friedfertigen, etwas behäbigen Welt begleitet der Leser nun unter anderem den Erzbischof und den Oberrabbiner von Wien, einen bedeutenden Seelenklempner, den jungen Russen Alexej, der sich in eine Affäre mit einer Dame aus der besseren Gesellschaft stürzt, deren Mann, dem k. u. k. Hofastronom … Alles läuft soweit seinen Gang, als man vom Mond aus einen Kometen entdeckt, der Mitte September 2011 die Erde erreichen wird. Was tun?

Die Bürde der Erben

Einziger Widerhalle unseres kriegerischen 20. Jahrhunderts sind die wirren Albträume zweier unbescholtener Männer, die plötzlich zusammen mit dem Erscheinen des Kometen auftreten. Von Krieg und Vernichtung, vom Abschlachten von Millionen Menschen träumen der Enkels eines österreichischen Postkartenmalers Namens Hüttler und der Enkels des grusinischen (=georgischen) Nationaldichters Soselo. Wie sie auf dergleichen kommen kann sich so recht niemand erklären. Sie gelten als Sonderfälle der Psychoanalyse. Warum sollten auch ausgerechnet die Deutschen, das überkorrekte Land der Dichter und Denker auf den bescheuerten Gedanken verfallen die Juden loswerden zu wollen …

Die Welt trinkt Almdudler

Wie Stein seine Welt schildert ist von vorne bis hinten ein Highlight. Anschaulich, liebevoll, fundiert und gänzlich ohne unsere gewohnten Anglizismen fabuliert der Kulturjournalist mit Wohnort in den USA dahin. Leider kann die Handlung an sich nicht ganz mithalten. Nur lose hängen die einzelnen Kapitel zusammen. Das vergrößert zwar den Einblick, den wir in diese wunderbar friedlich gestrige Welt bekommen, geht aber mit Abstrichen in puncto Spannungskurve und Mitleiden einher. Dabei bewegt er sich stets im Rahmen dessen, was historisch möglich gewesen wäre. Letztlich fühlt man sich von der Vorstellung was hätte sein können – gerade als Deutscher – berauscht, empfindet aber keine besondere Nähe zu den sie bevölkernden Figuren. Trotzdem eine unbedingte Leseempfehlung!

Gisela Stummer (academicworld.net)

Hannes Stein. Der Komet
18,99 Euro. Galiani

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