Die Welt nach der Apokalypse

Irgendwie scheinen wir uns in der gegenwärtig krisengeplagten Welt immer wieder versichern zu müssen, dass alles noch VIEL schlimmer kommen könnte. Anders lassen sich die zahllosen düster-schauerlichen Zukunftsentwürfe und Weltuntergangsvisionen, die gegenwärtig unsere Kinos und Bücherregale stürmen wohl kaum erklären. Joelle Charbonneau wirft in „Die Auslese“ einen Blick in die Zeit nach dem Super-GAU. Und der Leser blickt gebannt mit.

Die Welt nach der Apokalypse

Die bestmögliche Führungselite

Gerade jetzt, wo uns wieder einmal Wahlen ins Haus stehen, wo sich die Syrienkrise abermals zuspitzt, mag man sich manchmal die Frage stellen, ob über unser Wohl und Wehe tatsächlich diejenigen entscheiden, die das am besten können. In der Welt von „Die Auslese“ scheint man darauf, nach Kriegen und Krisen, die die Welt und die Menschheit fast vernichtet haben, eine Antwort gefunden zu haben. Nach dem Abschluss der Schulzeit werden die besten, geschicktesten oder kreativsten Absolventen aus allen Kolonien einem umfangreichen Testverfahren, der Auslese, unterzogen. Wer hier besteht erhält einen Studienplatz an der Universität und wir, bestenfalls, zur künftigen Führung des Landes herangezogen.

Klingt eigentlich ganz gut. Warum aber gibt dann der Vater der 16-jährigen Cia ihr die Worte „Vertraue niemandem!“ mit auf den Weg? Nur zu bald muss die intelligente und patente, aber manchmal etwas naive junge Frau feststellen, dass dieser Rat nicht übertrieben war. Wissen und Fähigkeiten der 108 Kandidaten werden auf Herz und Nieren geprüft. Und falsche Antworten werden bestraft – mit dem Tod, wie sich bald herausstellt. Am Ende können nur 20 von ihnen einen Platz an der Universität erhalten. Beim finalen Test, einem wochenlangen Weg durch verlassene Städte mit Fallen, mutierten Tieren und verseuchtem Wasser spitzt sich die Lage immer mehr zu.

Anders etwa als bei „Die Tribute von Panem“ sind die Kandidaten nicht unbedingt gezwungen sich gegenseitig niederzumetzeln und doch finden sich bald mehr als genug junge Menschen, die um die eigenen Chancen zu erhöhen zu Mördern werden. Oder ist es doch das System, das die Schuld trägt?

Die Welt nach der Apokalypse
So wie heute das Death Valley ist in Cias Zukunft fast die ganze Welt: lebensfeindlich. © La-Liana / pixelio.de

Gut erzählter Zukunftsentwurf 

Die Welt von Joelle Charbonneau ist extrem plastisch, ziemlich glaubwürdig und ein ganzes Stück beängstigend. Außerdem kann die gute Frau auch noch richtig gut und spannend erzählen, bleibt immer nah an ihrer Protagonistin und obwohl immer wieder kurz das Gefühl des Bekannten aufblitzt, schafft sie es stets binnen kurzem den Leser mit einer Wendung oder einem Detail zurück auf unbekanntes Terrain zu führen. Obwohl auch hier einmal mehr die in den letzten Jahren vielfach bewährte All-Age-Strategie der Fantasy und Science-Fiction-Literatur gefahren ist, sollten sich zu junge Leser hier lieber nicht heran wagen. Denn: Kindgerecht fällt der Kampf der Kandidaten ums Überleben nicht immer aus.

Durch den geschickten Schachzug den Leser zusammen mit Cia in die Prüfungen zu schicken, erfährt man sehr schnell sehr viel über Gegenwart und Vergangenheit der „neuen“ Welt. Darüber, wie sich die Staaten in einen vernichtenden Atomkrieg begaben gibt Cias Geschichtstest Auskunft, in Biologie zum Beispiel werden die Veränderungen von Flora und Fauna thematisiert. Dabei kommen diese Schilderungen nie schulmeisterlich daher und fügen sich viel harmonischer ins Gesamtgeschehen, als die nun einmal nötigen Schilderungen einer veränderten Welt in anderen dystopischen Romanen.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Joelle Charbonneau. Die Auslese. Nur die Besten überleben (The Testing (Book I))
16,99 Euro. Penhaligon
 

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