Die Welt der Wildkräuter

In Zeiten, in denen die klassische Medizin immer wieder herber Kritik ausgesetzt wird, besinnen sich viele Menschen wieder auf althergebrachte Hausmittel – oder leben vegan. Der Autor Ralf Brosius schreibt Wildkräutern seine Genesung von Krebs zu. Jetzt erschien sein Buch „Wildkräuter – Meine Lebensretter aus der Natur“.

Ralf Brosius hat Krebs überlebt. Das ist erst einmal eine harte Information. Dass er ihn mit Wildkräutern losgeworden ist, klingt auf den zweiten Blick gar nicht so unwahrscheinlich, wie auf den ersten – denn so manches chemische Tablette beinhaltet gar nichts viel mehr als hochdosierte Bestandstoffe aus der Natur. Nicht umsonst wirken Kaffee und Vitamin C gegen Kopfschmerzen und der Griff zur Tablette ist so manches Mal richtig unnötig. Insofern erst einmal herzlichen Glückwunsch an den Autor.

Das Buch ist insgesamt leider nicht so gut gelungen. Das beginnt damit, dass vielerlei wissenschaftliche Begründungen aufgeführt werden, ohne dass eine einzige Quelle dafür genannt wird. Damit fehlen wichtige Bausteine für die Glaubwürdigkeit. Liest man das Buch, erhält man den Eindruck, einen persönlichen Blogeintrag zu lesen. Das ist an sich nicht problematisch, nur wenn über einen großen Teil des Anfangs immer nur die Leidensgeschichte angesprochen wird, wird es einfach zu viel. Die Wiederholungen erschweren es, bei der Stange zu bleiben und bieten selten die Information, die man sich von dem Buch erhofft hat.

Wie man es erwartet, gibt es viele Bilder von Kräutern – aber ihre Bezeichnung wird ganz am Ende nur in einer Tabelle mit Seitenzahl angegeben. Die Wirkung wird nur extrem eingeschränkt beschrieben. Wer sich von dem Buch also erwartet, einen Wildkräuter-Guide zu bekommen, geht leer aus.  

Stellenweise übertreibt der Autor ein wenig: Er will bestimmte Pflanzen heilig sprechen. Wenn das in Indien gemacht wird, gehört das zur dortigen Kultur – dort hat diese Heiligsprechung ihre Berechtigung und ihren Platz. Hierzulande stellt sich meines Erachtens Frage, wo dieser in unserer Kultur sein soll. Gerade in Mitteleuropa werden maximal katholische Verstorbene heiliggesprochen – Pflanzen formal auf keinen Fall. Vielleicht nehme ich es mit seiner Wortwahl zu genau, aber genau diese Wortwahl greift wieder die Glaubwürdigkeit an, die man dem Autor eigentlich gar nicht absprechen möchte – denn wer sich für so ein Buch interessiert, ist dem Thema ja grundsätzlich offen eingestellt. Warum spricht er nicht einfach von hoher Wertschätzung? Denn ich bin der festen Meinung: Viele Wildkräuter können gesundheitlich helfen und das Wissen um sie und ihre Wirkung ist echt zu stark aus dem Bewusstsein der Menschen entschwunden.

Als Vertreter der ayurvedischen Richtung kommt natürlich auch das Argument ‚Das uralte Wissen von langem Leben‘ zur Sprache – ist ja gut und schön. Leider muss auch hier ein Wildkräuter-Sympathisant anmerken, dass die Lebenserwartung damals dann auch mal bei 30 Jahren lag.

Rezepte gibt es auch, insgesamt 36 an der Zahl. Sie bestehen hauptsächlich aus gedünstetem Gemüse, Smoothies und Nachtisch, sind mit bis zu drei Tagen Vorbereitungszeit sehr zeitintensiv und beispielsweise im Berufsalltag nicht immer ganz einfach zu integrieren. Sicherlich ein nettes Gimmick, um die eigene Ernährung aufzupolieren – aber tiefgreifende Änderungen führt man für seinen Ernährungsplan mit diesen Rezepten nicht herbei.

Anschließen kann ich mich bei folgender Aufforderung: „Machen Sie die Nahrungszubereitung zu einem Abenteuer und experimentieren Sie mit allem, was gesund ist.“ Nur braucht man leider einen anderen Ratgeber in Buchform.


Bettina Riedel (academicworld.net)

Ralf Brosius. Wildkräuter – meine Lebensretter aus der Natur.
Kösel Verlag. 19,99 Euro.

Share.