Die Tragik des Alltäglichen

Unglückliche Ehen können auch heute noch echte Dramen sein. Im 19. Jahrhundert, in dem Honoré de Balzacs „Die Frau von dreißig Jahren“ angesiedelt und verfasst wurde, gab es für solche Fälle aber so gar keine achtbaren Auswege.

Die Frau von dreißig Jahren

Gut gewählt ist halb gewonnen

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet,“ möchte man, nach Friedrich Schiller, und ganz im Sinne von Julies Vater dem jungen Mädchen aus dem ersten Erzählstrang zurufen, das sich Hals über Kopf in einen schmucken Offizier verkuckt hat. Wider den väterlichen Rat rennt sie – nur anfangs begeistert und von Äußerlichkeiten geblendet – ins selbstgewählte Unglück. Nur allzu bald lernt sie die Oberflächlichkeiten und die Dummheit ihres Mannes nicht nur zu hassen, sondern zu verachten. So wird aus dem lebensfrohen Ding ehe man sich versieht eine kränkliche, verhärmte Eigenbrötlerin.

Trotz ihres zurückgezogenen Lebens vermag sie es ihren unfähigen Gatten in der Gesellschaft voran zu bringen. Was sie hingegen nicht vermag ist die eigene Tochter zu lieben. Zu sehr sieht sie im Kind den Vater wieder. Dennoch ist die Kleine der einzige Grund, der sie am Leben erhält. Ohne Mutter soll sie nicht aufwachsen und eine ehrlose Mutter hat sie nicht verdient, also gibt sie sich auch dem Werben des Engländers Arthur Lord Grenville nicht hin, der sie jahrelang anbetet und umsorgt. Als er aber um ihrer Ehre willen den Tod findet fällt sie in ein tiefes Loch der Verzweiflung. Jahrelang trauert sie um diese verlorene, nie gelebte Liebe.

Wendepunkte eines Lebens

Alle sechs Kapitel des Buches schildern im Prinzip Wendepunkte im Leben Julies. Schlaglichtartig werden manchmal Momente, manchmal Jahre ihres Daseins beleuchtet. Den Mittelpunkt bildet dabei der Zeitraum, in dem sie etwa dreißig Jahre zählt und somit den „poetischen Gipfel im Leben einer Frau“ erreicht. Hier erfährt ihr Charakter, der zumindest nach außen hin bis zu diesem Zeitpunkt absolut untadlig war, eine entscheidende Bruchstelle.

Der Grund: Der junge Comte de Vandenesse tritt in ihr Leben. Beide finden aneinander gefallen und eingedenk der ungelebten Liebe zu Grenville lässt sie sich dieses Mal betören und gibt sich der Liebe hin. Doch wie alle anderen Glücksmomente in ihrem Leben soll sie teuer bezahlen für die trauten Stunden. Der Preis für Glück scheint in ihrem Leben stets ein kaum bezahlbarer zu sein. Letztlich wird sie immer wieder von den Konventionen der Zeit und schweren Schicksalsschlägen erstickt. Ein wahrhaft verzweifeltes Leben voller alltäglicher Tragik.

Ein Recht auf Glück und Selbstbestimmtheit?

Ein eindringliches Plädoyer für mehr Selbstbestimmtheit der Frauen hat Honoré de Balzac mit dem Werk „Die Frau von dreißig Jahren“ da in den 1830ern abgeliefert. Der aus ursprünglich sechs Einzelerzählungen entstandene Roman um Julie d’Aiglemont und ihre unglückliche Ehe wurde zu einem zeitlosen Klassiker und ist doch nur aus der Entstehungszeit heraus zu begreifen. Eine schöne Neuauflage gibt es jetzt im Insel Verlag. Ganz im Geist unserer Zeit wird zum Buch gleich noch der Download-Link für die E-Book-Variante mitgeliefert.

Leider sind die sechs „Episoden“ bisweilen etwas unstimmig und krude verknüpft. Die Altersangaben der immer mal wieder plötzlich auftauchenden Kinder gehen so gar nicht zusammen und auch das Alter von Julie in Verbindung mit der angeblich vergehenden Zeit wirft beim Leser manche Frage auf. Ob jetzt die wechselnden Erzählperspektiven in den einzelnen Teilen eher reizvoll oder verwirrend sind muss jeder Leser selbst entscheiden. Trotz all dieser Inkohärenzen weiß das Schicksal dieser so lange Zeit ihres Lebens tiefunglücklichen Frau zu fesseln.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Honoré de Balzac. Die Frau von dreißig Jahren.
6 Euro. Insel Taschenbuch.

 

Share.