Die Macht des Wortes

Lebensnah, emotional und aufwühlend erzählt der Dokumentarfilmer Davis Guggenheim die Geschichte der leidgeprüften Aktivistin Malala. Das bewegende Portrait eines Mädchens, das nach einer Legende benannt wurde.

Malala bei einem öffentlichen Auftritt
Malala bei einem öffentlichen Auftritt

Der Dokumentarfilm „Malala – Ihr Recht auf Bildung“ („He named me Malala“ im Original) des amerikanischen Regisseurs Davis Guggenheim berichtet vom Leben der pakistanischen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die sich für gleichberechtigte Bildung in ihrer Heimat, dem Swat-Tal, einsetzt. Damit erlangte sie die Aufmerksamkeit der Taliban. Am 9. Oktober 2012 wurde der Bus, in dem Malala saß, von den Terroristen angehalten. Die Taliban verschafften sich Zutritt und schossen der damals fünfzehnjährigen Aktivistin in den Kopf. Das Mädchen überlebte das Attentat, nach langem Todeskampf, nur knapp.

Im Film werden dokumentarische Elemente, bei denen die Protagonistin und ihre Familie zu Wort kommen, mit Zeichentrickanimationen vermischt, die Episoden aus Malalas Vergangenheit und ihrem Heimatland zeigen. Im Zentrum der Erzählung steht die Macht des Wortes, welches stärker ist als alle unterdrückerische Gewalt. Malala und ihr Vater, Ziauddin Yousafzai, sprechen über die Pflicht, sich aufzulehnen, Widerstand zu leisten und die Stimme zu erheben. In den Animationen wird dabei das gesprochene Wort als Feuer visualisiert, das aus dem Munde der Sprecher strömt. Dieser feurige Hauch, dieser Animus, entflammt dabei Filmfiguren und Kinozuschauer gleichermaßen. Die junge Malala reißt jeden mit und steckt den Zuschauer unweigerlich mit ihren Überzeugungen an. Die Herzen des Publikums fliegen ihr bereitwillig zu und dass einige Zuschauer nach dem Film zu Tränen gerührt waren, ist sicherlich keine überemotionale Reaktion.

Bild: 20th Century Fox Kino
Bild: 20th Century Fox Kino

Der Regisseur lässt das Publikum extreme Nähe zu Malala erfahren, indem er ihn direkt in ihren Alltag und ihr Zuhause einlädt. Die Szenen dort sind menschlich, rührend, ergreifend. Schmunzelnd beobachtet man das Zusammenleben der eigenwilligen Malala mit ihren Brüdern, wird ihres Wesens ansichtig, ihrer Liebe zu Büchern und Bildung und ihrer Verhaltenheit gegenüber ihrem neuen Leben in England. Der Charakter der jungen Kämpferin ist bestechend. Sie ist stark und selbstbewusst. Provokant spricht sie mit den Spitzenpolitikern der Welt und macht diese auf die Missstände aufmerksam, die zu bereinigen in deren Verantwortlichkeit läge. Trotzdem wird auch die sanfte Seite des Mädchens gezeigt, die sich bescheiden und schüchtern im Internet Bilder von Sportlern und Schauspielern ansieht. Ein Thema der Dokumentation ist das innige und herzliche Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Es wird die Frage gestellt, inwiefern Ziauddin Yousafzai das Schicksal Malalas durch seine Namenswahl präfiguriert hat. Das kommt im Englischen Originaltitel – „He named me Malala“ – besser rüber: Ziauddin benannte seine Tochter nach einer afghanischen Volkslegende. Nach der jungen Heldin Malalai, die die afghanischen Kämpfer auf dem Schlachtfeld des 19. Jahrhunderts inspirierte, dann aber selbst im Kampf zu Tode kam. Der Film fragt, inwiefern das Erbe und die Bürde ihres Namens Malalas Wirken beeinflussen.

Guggenheims Dokumentation ist eindrucksvoll und bewegend. Es glänzen dabei im Besonderen Malala und ihr Vater durch ihre Überzeugung und ihren kämpferischen Sanftmut. Guggenheim wechselt dabei oft seine Erzählweise. Er befragt Malala und ihre Familie frontal im Interview, lässt sie aber auch lose von sich aus berichten und Kommentare abgeben. Durch ihre Art fängt die junge Aktivistin dabei sicherlich die Sympathie des Zuschauers ein und gewinnt sein Herz. Sie fordert ihn mit ihren Eingangsworten heraus: „It is better to live like a lion for one day, than to live like a slave for one hundred years“. Fraglich ist allerdings wie viel von Malalas Auftreten und Gesagtem auch wirklich ihr entsprechen. Einiges von ihrem Wesen – als sie bezeugt, kein bisschen Wut auf ihre Attentäter zu empfinden, wirkt das Mädchen nahezu erleuchtet – mag durchaus das Produkt des Scripts oder der Inszenierung des Regisseurs sein. Die Idee der Verwendung des Mädchens Malala, nicht nur als Vertreterin der Überzeugungen ihres Vaters, sondern auch als Figur der Botschaft Guggenheims bleibt also als Nachgeschmack zurück.  

Guggenheim kontrolliert das Tempo seiner Erzählung durch seine raffiniert gesetzten Szenenschnitte. Die Geschichte changiert zwischen den statischen Episoden von Malalas Gegenwart in England und den dynamischen und dramatischen Passagen, die von ihrer Vergangenheit im Swat-Tal in Pakistan berichten. Mit Engelsgeduld und Selbstbeherrschung hält Davis Guggenheim dabei die Umstände des Attentats zurück, die erst nach einer erzählerischen Zäsur in der fesselnden zweiten Hälfte des Filmes offenbart werden. Hierbei wird Malalas Werdegang zur Aktivistin in ihrer Heimat beschrieben. Die Auseinandersetzung mit ihren Gegnern wird dabei antithetisch dargestellt: Auf der einen Seite steht Malala – mutig, öffentlich und angreifbar, die die Stimme erhebt und ihr Leben riskiert, um sich für die Rechte anderer einzusetzen. Auf der anderen Seite der propagandistische Demagoge der Taliban. Eine gesichtslose Stimme im Radio, die Drohungen ausspricht, nächtliche Bombenattentate befiehlt und nur eine Botschaft für Malala und ihre Familie hat: Wenn ich mich selbst für meine Ideologie umbringen würde, wie wenig seid ihr mir dann wert?

Florian Deichl (academicworld.net)

Malala – Ihr Recht Auf Bildung

Ab dem 22. Oktober im Verleih von xyz im Kino

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