Die Leiden des jungen Reacher

Das Jahr ist 1997, Jack Reacher ist immer noch Major der Army. Er wird nach Mississippi abkommandiert, um den brutalen Mord an einer jungen Frau aufzuklären. Diese wurde nicht nur vergewaltigt, sondern auch noch durch einen Schnitt durch ihre Kehle getötet. Die Tat erforderte viel Kraft, sodass der Verdacht nahe liegt, ein Army-Soldat von dem nahe gelegenen Camp Kelham könnte verwickelt sein. Doch Jack ist nur der zivile Teil eines Ermittler-Duetts und als inoffizieller Partner von Grund auf benachteiligt. In der Stadt angekommen, lernt er den wunderschönen Sheriff Deveroux kennen. Diese Dame enttarnt ihn umgehend, aber Jack lässt sich von ihr nicht aus dem Fall abziehen. Zusammen verfolgen sie verschiedene Spuren und Theorien, doch dann wird eines ganz schnell klar: Ja, der Täter kommt höchstwahrscheinlich aus dem Camp. Und nein, er wird höchstwahrscheinlich niemals der Gerechtigkeit zugeführt werden. Nur: Wie wahrscheinlich ist es, dass sich in Washington und wichtigen US Army-Camps auf der Welt möchtige Leute zusammen zu schließen, um ein Bauernopfer zu finden?

Die Kritik

Dies ist Band 16 in der zeitlichen Reihenfolge des Erscheinens – allerdings ist dies inhaltlich der allererste Band. Mit diesem gemein hat „Der letzte Befehl“, dass er aus der Perspektive von Jack Reacher geschrieben ist. In dieser ich-Perspektive fällt auf, dass er zwar schon eine gewisse Veranlagung zu einem relativ kühlen, berechnenden Herz hat, aber noch nicht so stark abgehärtet ist und weniger analytisch denkt. Als Autor kann das nicht einfach zu schreiben gewesen sein, denn es gibt so viele – zeitlich später angesetzte – Bücher, dass er noch einmal richtig von vorne anfangen musste. Für alle, die Jack schon kennen, ist es ein interessanter Rückblick auf einen eher unterentwickelten Charakter, der noch einige Abenteuer vor sich hat. Gerade die Verwicklung seines Bruders, der Jack mit einer Postkarte auf den kleinen Ort Margrave aufmerksam macht, wirft unheilvolle Schatten voraus.

Was ein wenig repetitiv wirkt, ist Jacks Hang, sich rund um seine Fälle eine bildhübsche Frau zu suchen, die immer die Schönste ist, die am besten küsst und ihn ganz einzigartig reizt. Das ist ein Motiv, das sich mittlerweile öfters wiederholt und den Fall bisweilen unnötig zu verlängern.

Wie immer ist auch dieser Band der Jack Reacher-Reihe gewohnt flüssig zu lesen, denn Lee Child setzt nach wie vor auf eine klare Sprache, wenig Schnörkel und dreht sich um nichts anderes, als den Fall und Jacks Privatleben. Jede Information auf jeder Seite geht um eines dieser beiden Themen. Nicht zuletzt deswegen macht es so viel Spaß, mitzurätseln. Die Thriller von Lee Child sind ganz klassisch, sehr unaufgeregt und mehr damit beschäftigt, einen Fall logisch aufzudröseln, anstatt den Zuschauer/ Leser durch größtmögliche Brutalität zu schocken.

Da überrascht es wenig, dass sich Lee Child – trotz der meist recht ähnlich ablaufenden Fälle einer stetig gleichen Hauptperson – eine immer größere Stammleserschaft erarbeitet hat. Wer Thriller mag, wird Lee Child lieben!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Jack Reacher – der letzte Befehl. Lee Child.
blanvalet. 19,99 Euro.

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