Die Legende eines Kriegers wider Willen

Shikanoko ist das Kind des Hirsches – doch geboren wurde er als der Sohn eines Edelmannes, dazu bestimmt, ein kleines Gebiet zu führen und dem Kaiser treu zu dienen. Doch seine Familie kommt um und sein Onkel übernimmt seine zukünftige Führungsposition. Die Macht steigt ihm zu Kopf und er lockt Shikanoko auf einen Jagdausflug, von dem er nicht zurückkehrt. Doch anstatt beim Sturz vom Fels zu sterben, überlebt der Junge und stößt mitten im Wald auf die Hütte eines schwarzen Hexers. Aus dem Kopf eines Hirsches fertigt der ihm eine Maske und führt ein seltsames Ritual an Shikanoko aus – jetzt ist er erst das Kind des Hirschen. Als solches dient er erst dem „Bergfürst“, einem Räuberhauptmann. Dann wird der zusammen mit Shikanoko gefangen genommen und der Fürstabt eines Klosters auf den jungen Krieger aufmerksam. Und schon ist er mittendrin in einer Verschwörung, bei der nichts so ist, wie es scheint: Die Schwester des Fürstabts ist die Mutter des jüngeren Kaisersohns, den der Fürstabt daher auf dem Lotusthron sehen würde. Das Reich selbst ist tief gespalten und noch weiß keiner so richtig, auf welche Seite er sich beim drohenden Bürgerkrieg schlagen würde. Shikanoko selbst muss immer wieder aus gefährlichen Situationen fliehen, bis er die vermeintliche Lösung des Problems in Gestalt der Herbstprinzessin Aki erkennt …

Die Kritik

Wer asiatische Filme mag, wird dieses Buch lieben. Denn sobald man die ersten Zeilen liest, hat man einen alten Geschichtenerzähler im Kopf, der sie mit knarriger Stimme vorträgt. Die Autorin nutzt Worte nicht einfach nur, um eine Information darin zu verpacken, sondern hat geradezu einen Rhythmus oder eine Melodie in ihrer Geschichte verwoben. So macht sie aus einer Heldengeschichte tatsächlich eine Legendenerzählung. Ganz wichtig dafür ist, dass sie sich die Zeit nimmt, Shikanokos Geschichte vor seiner kämpferischen Zeit zu erzählen, denn nur so erfährt man den wahren Hintergrund des Helden, dem man für einige hundert Seiten folgen darf.

Dabei entwickelt die Geschichte sich recht schnell weiter und es gibt immer etwas Neues, was den bisherigen Kenntnisstand ordentlich durcheinander wirbelt. Was dieses Geschehen durchaus verkomplizieren könnte, ist die Vielzahl der Personen – immerhin beginnt das Buch mit 2.5 Seiten Charakterverzeichnis. KÖNNTE, denn die Personen werden sehr umsichtig und prägnant eingeführt, sodass man als aufmerksamer Leser eigentlich keine Schwierigkeiten damit hat, sie richtig zuzuordnen oder Hass-Liebe-Verbindungen zu ihnen aufzubauen.

Die Welt ist zutiefst menschlich gestaltet, gleichzeitig fantastisch und mythisch – kombiniert mit einer großen Portion Politik und Einzelschicksalen, die sich nicht nur um Shikanoko selbst drehen. Das Wort „opulent“ trifft es nicht, vielmehr werden auch andere Perspektiven umfassend beleuchtet, sodass man als Leser wirklich versteht, was welche Person zu welcher Handlung veranlasst hat. Auch wenn gemordet wird, ein Krieg ansteht und Frauen benachteiligt werden [und trotzdem ihrem eigenen Willen folgen]– es ist eine wirklich zauberhafte Geschichte, die nicht zuletzt wegen des wirklich toll gestalteten Covers in eine ganz eigene Welt aus Wäldern voll rotem Ahorns entführt.

Eine persönliche Sache: Wer sich von Rezensionen auf Lovelybooks in seinen Kaufentscheidungen beeinflusst, sollte hier genauer hinschauen. Manche Leser beschweren sich über die „vielen japanischen Bezeichnungen“ – auf dem Cover sieht man auch nur einen jungen Mann mit Katana und in japanischer Kleidung. Jemand anderes beschwert sich über den Schreibstil, was an sich kein Drama ist – nicht jeder kommt mit jedem Schreibstil klar. Aber zu sagen, dass die Geschichte mehr in der Art einer Legende oder Sage erzählt wird, wenn das Buch nun mal „Die LEGENDE von Shikanoko“ heißt, ist auch ein starkes Stück. Außerdem: Wer sich bei einer in japanischem Setting abspielender Handlung über zu viele japanische Eigennamen beschwert, kann das Cover doch wirklich nicht angeschaut haben … Augen auf beim Rezi-Lauf!

Übrigens: Für Band 2 muss man nicht lange warten, denn dieser erscheint bereits am 22. Februar 2018.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Lian Hearn. Die Legende von Shikanoko.
Sauerländer/ Fischerverlage. 19,99 Euro.

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