Das Schicksal der Verdingkinder

Erschütternd, aufrüttelnd und klar erzählt Markus Imboden in seinem neuen Film „Der Verdingbub“ die Geschichte von Max, der als Waise, wie in der Schweiz bis 1950 üblich, an einen örtlichen Hof „verdingt“ wird. Dort erwartet ihn nicht nur harte Arbeit, Demütigung und Ungerechtigkeit, sondern auch eine einzigartige Freundschaft mit Berteli, die sein Schicksal teilt.

Max kommt am Hof der Bösigers an.

Bis 1950 war es in der Schweiz gang und gäbe, Waisen- oder Scheidungskinder an größere Höfe zu vermitteln, einst sogar zu versteigern oder zu verlosen. Oft wurden diese Kinder wie Vieh behandelt und lebten bei den Familien in sklavenartigen Verhältnissen, geprägt durch Misshandlung, Ausbeutung und nicht selten auch Vergewaltigung. Viele der Familien waren selbst arm und konnten das geringe Kostgeld gut gebrauchen, welches ihnen als „Pflegefamilie“ zustand.

Gewalt und Ungerechtigkeit

So ist es auch bei den Bösigers der Fall, für deren Hof Max (Max Hubacher) vom Pfarrer ausgewählt wird. Dort erwartet ihn der Alltag eines Arbeitstiers und die Demütigungen des leiblichen Sohns Jakob (Max Simonischek), der selbst vom Vater keine Liebe empfängt und nun eifersüchtig auf den „Verdingbub“ ist, der scheinbar besser arbeitet als er selbst. Trost findet Max im Handorgelspiel, bei dem er ein Talent aufweist, das auch der jungen Lehrerin (Miriam Stein) nicht lange verborgen bleibt. Sie lädt ihn ein, am örtlichen Schwingfest vor der Dorfgemeinschaft zu spielen, ein kurzer Glücksmoment, der aber schnell wieder von Argwohn und Missgunst zunichte gemacht wird.

Zur gleichen Zeit wird auch Berteli (Lisa Brand) ihrer Mutter weggenommen und an den Hof „verdingt“, um der Bösigerin (Katja Riemann) bei der Hausarbeit und Pflege der kranken Großmutter zur Hand zu gehen.

Wo am Anfang noch Misstrauen zwischen den beiden Verdingkindern herrschte, wächst bald eine Freundschaft heran, die geprägt ist von dem Willen, zusammen der Brutalität auf dem „Schattenhof“ zu entfliehen.
Doch dem gemeinsamen Traum von einer besseren Zukunft in Argentinien wird ein jähes Ende gesetzt.

Auch Berteli hat es alles andere als leicht.

Totgeschwiegen und verdrängt

„Der Verdingbub“ ist ein realistisches Drama, basierend auf den Geschichten tausender Verdingkinder, die das Schicksal von Max und Berteli teilten.
Diese Ära stellt ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte dar, denn Behörden, Kirche und Nachbarn schauten einfach weg. Wer die Missstände anprangert, wie die Lehrerin, die Max und Berteli helfen möchte, ist der Gemeinde und vor allem den Bösigers, die durch den Tod des vorherigen Verdingkindes nicht mehr den besten Ruf haben, ein Dorn im Auge.
Sie muss ihre Stelle in der örtlichen Schule schon bald wieder aufgeben. Mit ihr fühlen wir die Wut und die Hilflosigkeit entgegen der herrschenden „mittelalterlichen“ Umstände, wo alles totgeschwiegen und verheimlicht wird.

Max muss sich immer wieder vom leiblichen Sohn Jakob demütigen lassen.

Kein „Schwarz-Weiß“ auf dem Schattenhof

Mitgefühl ist ein gutes Stichwort, denn im Film wird die Situation auf dem Bösiger-Hof keineswegs schwarz-weiß dargestellt. Auch die Bösigers haben es nicht leicht – sie müssen jeden Franken dreimal umdrehen, die Ernte wird von Jahr zu Jahr schlechter, der Bösiger ertränkt alle Probleme in Alkohol, dazu noch die Pflege der bettlägerigen Großmutter, kein einfaches Leben für die Bösigerin, die mit der Zeit hart geworden ist. Man merkt es der Familie an, dass hier auch in vorherigen Generationen Lieblosigkeit und Geborgenheit fehlten und die ruppige Art zur Tagesordnung gehört.

Max kommt von Anfang an nicht mit der Unterdrückung klar, er wird nicht als stiller Leidender dargestellt, sondern als Rebell, der seine Meinung frei äußern will und für seinen Traum, Handorgelspieler zu werden, einsteht.

Die gezeigte Brutalität lassen den Zuschauer nicht unberührt, die Summierung der gezeigten Bilder hinterlässt fast ein körperliches Unwohlsein beim Betrachter.

Dass der Film am Ende zumindest für Max ein positives Ende nimmt, lässt einen trotzdem nicht vergessen, dass tausende andere Kinder nicht das Glück hatten, einen Helfer in der Not zu treffen, und entweder noch am Hof selbst oder später an den psychischen Folgen zugrunde gingen. Ein Kinoerlebnis, das zum Nachdenken anregt!

Franziska Püschel (academicworld.net)

Der Verdingbub

Regie: Markus Imboden
Darsteller: Max Hubacher, Katja Riemann, Stefan Kurt, Max Simonischek, Miriam Stein, Lisa Brand, Andreas Matti

Start: 25. Oktober 2012

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