Das politische Schachspiel mit der Welt

Marietta Slomka ist eine, die es wissen muss. Als Journalistin und Fernsehmoderatorin war die Diplom-Volkswirtin unter anderem beim Institut der deutschen Wirtschaft, der Kölnischen Rundschau und der Deutschen Welle tätig. Passend zur Bundestagswahl erscheint nun ihr neues Buch „Kanzler, Krise, Kapital – Wie Politik Funktioniert“.

Rezension Marietta Slomka
Marietta Slomka erklärt, wie die Welt der Politik funktioniert.

Der Zeitpunkt könnte nicht passender gewählt sein: Kurz vor der Bundestagswahl 2013 erscheint Marietta Slomkas neues Buch: Kanzler, Krise, Kapital. Darin gibt die Autorin den vermutlich längsten Exkurs zum Thema „Politik“, ohne dabei den Leser zu sehr in die trockene Tiefe zu entführen.

Die Mischung macht‘s

Damit der Text nicht allzu trist und theoretisch wirkt, verbindet sie faktisches Wissen, wie zum Beispiel zu den Ursprüngen der Politik in der Antike mit Anekdoten aus dem eigenen Leben. Gewürzt wird mit persönlichen Überlegungen zum jeweiligen Punkt und subjektiven Feststellungen zum politischen Geschehen. Humoristische Einflüsse findet man auch noch: Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie aussagekräftig zwei Kühe sein können? Marietta Slomka nutzt sie einfach mal dafür, die politischen Strömungen der verschiedenen Parteien zu verdeutlichen.

Ganz die Journalistin, kommt natürlich auch die Berichterstattung nicht zu kurz: man erfährt unter Anderem, wie empfindlich sich die Parteien CDU/ CSU in die Ernennung eines Chefverlegers bei einem großen deutschen Verlag einmischen konnten.

Zwischen Theorie und Realität

Wer in „Krise, Kanzler, Kapital“ nach klischeehaften Beschwerden über die Politik sucht, wird nichts finden. Den ewigen Vorwurf, Wahlversprechen zu brechen, begegnet die Autorin mit verbalem Schulterzucken – zu alltäglich der Vorgang. Vielmehr fordert sie ihre Leser dazu auf, dem Feld Politik, Politiker und Machterhalt mit gesundem Menschenverstand zu begegnen.

Die moralische Keule

Doch auch ethisch holt Frau Slomka aus. Sie betont wiederholt, dass in anderen Ländern die Bevölkerung bei Demonstrationen für echtes Wahlrecht ihr Leben riskiert – und teilweise auch dabei verliert. Wohlgemerkt: Während fast die Hälfte unserer Nation an Wahltagen zu Hause bleibt. Gerade dieses Plädoyer kommt vermeintlich gerade rechtzeitig, um potenzielle Nichtwähler doch noch zu motivieren.

Heute schon den Müll rausgebracht?

Der deutliche Wehmutstropfen ist allerdings die Frage: Kaufen und lesen Nichtwähler ein über 500 Seiten starkes Buch zu Politik – einem Thema, dem sie sich von vornherein bewusst verweigern? Hier benötigt es schon eine ordentliche Portion Kampfgeist, um sich durch alle Seiten zu lesen. Zum Glück gibt es zwischendrin auch immer wieder etwas zu lachen – wenn Marietta Slomka beispielsweise den Staat mit dem Küchenputzdienst einer Wohngemeinschaft vergleicht.

Kein wissenschaftlicher Anspruch

Allem Umfang zu Trotz kann das Buch keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben. Es liest sich vielmehr wie ein ausführliches Gespräch zu dem Thema Politik mit einer guten Freundin. Geboten wird viel eigene Meinung und subjektive Einschätzungen, man könnte es quasi als längsten Blog-Artikel der Welt bezeichnen. Was man damit macht, bleibt freilich dem Leser überlassen.

Wer soll es denn nun lesen?

Jeder, der ein grundsätzlich an Politik interessiert ist, sich aber nicht mit einer Vielzahl an staubtrockenen Wälzern beschäftigen möchte. Wer seine verblassenden Polit-Kenntnisse auffrischen möchte, kommt in Kanzler, Krise, Kapital voll auf seine Kosten. Durch die thematische Unterteilung lässt sich das Buch auch für einige Tage aus der Hand legen, ohne dass der Leser den Faden komplett verliert. Mithilfe der gekonnten Abwechslung zwischen Theorie, bedenklichen oder auch witzigen Anekdoten und persönlichen Einschätzungen, weiß Marietta Slomka ihre Leser gleichzeitig zu informieren wie zu unterhalten.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Marietta Slomka. Kanzler, Krise, Kapital.

19,99 Euro. Bertelsmann.

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