Neue Comics

Besprochen von David Lins

This mod’s life – Die Geschichte einer Jugend in Wesel

Tobi Dahmens autobiografischer „Fahrradmod“, seit 2007 als Webcomic zu lesen, ist bei Carlsen in gedruckter Form erschienen – und eine der besten Graphic Novels des Jahres 2016.

Wenn man in den Achtziger Jahren in einer Kleinstadt aufwuchs, hatte man sehr gute Chancen, ein Konformist zu werden. Wer sich gegen Tanzkurs und Blouson-Jeansjacke entschied, musste sich an den Gedanken gewöhnen, für seltsam und „anders“ gehalten zu werden. So wie Tobi Dahmen, der in seiner autobiografischen Graphic Novel davon erzählt, wie er angezogen von Musik und der Aussicht, ein weniger gewöhnliches Leben zu führen, im nordrheinwestfälischen Wesel ein Modernist, ein Mod, wurde – und blieb.

Eine Rebellion, die sich in Maßanzügen, Krawatten und akkuraten Haarschnitten ausdrückt

Die Subkultur der Mods entstand in den späten Fünfziger Jahren in Großbritannien. Gerade Jugendliche der Arbeiterklasse schlossen sich der Bewegung an, die ihrer Distanzierung zur Elterngeneration und der sozialen Herkunft dadurch Ausdruck verlieh, maßgeschneiderte teure Anzüge zu tragen und italienische Motorroller zu fahren. Das zumindest war die Idealvorstellung. In Wesel nahm man sich, was man kriegen konnte und wurde „Fahrradmod“.

„Fahrradmod“ wurde zunächst Stück für Stück als Webcomic veröffentlicht – als Vergangenheitsbewältigung, Herzensangelegenheit und Mammutprojekt, an dem der Illustrator fast acht Jahre arbeitete. Tobi Dahmen erzählt sehr ehrlich und witzig von seinem Werdegang, dem Kommen und Gehen von Freunden, dem Erwachsenwerden, Enttäuschungen – und natürlich der grenzenlosen Euphorie, die man nur als Jugendlicher so intensiv erleben kann.

Nebenbei macht das begreiflich, was Eltern, Lehrern, Bekannten suspekt bleibt, wenn sie die innerliche und äußerliche Verwandlung eines jungen Menschen erleben, der neue Ideale für sich entdeckt hat.

Großes Kino

Die ganze Gesichte macht enorm viel Spaß in ihrer Vielschichtigkeit, auch weil der in Utrecht lebende Künstler die Story so „gerade“ erzählt, dass man sofort drin ist – und bleiben möchte. Tobi Dahmen kennt das Medium Comic, weiß, dass es dem Film oft viel näher steht als dem Buch. Rahmenhandlungen, Rückblenden, Kamerafahrten, Ein- und Auszoomen – all das sorgt für ein fast filmisches Leseerlebnis. Insofern hat Tobi Dahmen gewissermaßen ein sehr altes, aufgegebenes Projekt zu Ende gebracht: Er hat doch noch Quadrophenia als Comic herausgebracht. Sein ganz eigenes, das nun völlig zu Recht von Mod- und Comicszene begeistert aufgenommen wird.

Tobi Dahmen. Fahrradmod
29,99 Euro, Carlsen

http://www.fahrradmod.de/
https://www.carlsen.de/hardcover/fahrradmod/66665


Das Alter spielt eine Rolle

Sehr cineastisch wirken auch „Die alten Knacker“ Pierrot, Mimile und Antoine. Die Story der drei Über-70-Jährigen könnte man sich bestens auf der Kinoleinwand vorstellen als bitterböse französische Komödie.

Vor dem ersten Aufklappen des Buchdeckels erwartet man jedoch einen ganz anderen Comic, eher gesellschaftskritische Einseiter à la Claire Bretécher. Doch weit gefehlt, hier entspinnt sich eine albenfüllende Story um altgewordene Kindheitsfreunde, die begriffen haben, dass Altwerden die einzige bekannte Methode ist, um nicht zu sterben. Das ist rund und macht Spaß, weckt Erinnerungen an die Blütezeit des franco-belgischen Comics und Serien wie Spirou oder Gil Jourdan – mit der hübschen Pointe, dass die Hauptdarsteller etwa das Alter der damaligen Zeichner haben.

Die alten Knacker
Wilfrid Lupano, Paul Cauuet
14,80 Euro, Splitter Verlag


Düsteres

Nach den Zombies sind nun Dämonen an der Reihe: Robert Kirkman, der Schöpfer der Comicserie „The Walking Dead“, hat eine weitere großartige Horrorserie losgelassen. Outcast heißt sie – und bereits in diesem Jahr wird die TV-Serienadaption in den USA zu sehen sein.

Sein gesamtes Leben schon plagen Kyle Barnes Heimsuchungen aus dem Zwischenreich. Schon seine Mutter war von bösen Geistern besessen und sein Schicksal scheint vorherbestimmt … In dem Kaff in West Virginia, das er sein Zuhause nennt und wo Reverend Anderson ihm zur Seite steht im Kampf gegen eine sich ausbreitende Dämonenwelt, hat Kyle aber nicht nur die dunklen Mächte gegen sich. Nachbarn, die Cops und auch ein Privatdetektiv haben ein Auge auf ihn geworfen.

Wieder gelang Robert Kirkman ein ganz großer Wurf und mit dem neuen Zeichner Paul Azaceta hat er einen kongenialen Partner an seiner Seite. Ob auf dem Bildschirm oder auf Papier, wir freuen uns auf mehr von dieser Serie!

OUTCAST 1. IM REICH DER FINSTERNIS
Robert Kirkman, Paul Azaceta
22,00 Euro, Cross Cult

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