Bühne frei für Kalk und Granit

Die Natur-Dokumentation boomt dank avancierter Kameratechnik. In ihrer Klarheit und Detailfülle bislang nie gesehene Bilder werden auf den Zuschauer losgelassen, auf daß er staune, aber bitte nicht nachdenke. Denn außer Ästhetisierung haben jene Filme meist wenig zu bieten, wie „Die Alpen – Unsere Berge von oben“, ab 12.9. im Kino, wieder einmal beweist.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

  • „Die Alpen – Unsere Berge von oben“, ab 12.9. im Kino
  • „Die Alpen – Unsere Berge von oben“, ab 12.9. im Kino
  • „Die Alpen – Unsere Berge von oben“, ab 12.9. im Kino

Natur und Kamera

Sie sind über 1200 km lang, zwischen 150 und 250 km breit und ragen an ihrem höchsten Punkt 4810 m auf: die Alpen. Europas höchstes Gebirge hat es sich auf einer Fläche von rund 200.000 km² gemütlich gemacht, im Sinne moderner Multinationalität gleich in acht Staaten. Ihr Ursprung liegt freilich etwa 100 Millionen Jahre zurück. Das könnte Respekt abnötigen oder als Sensation betrachtet werden. Die Filmemacher von „Die Alpen“ haben sich für letzteres entschieden, eine superteure Helikopterkamera geordert und sich auf die Suche nach ebenso superschönen Luftaufnahmen gemacht. 

Derart gestochen scharf und strahlend bunt wie durch das Objektiv einer Cineflex mit HD-System kann kein Auge die Umwelt wahrnehmen. Edel-blau der Himmel, de-luxe-weiß der Schnee, satt-grün die Wiesen, erlesen-grau die Felsformationen – alles im herrlichen Sommer photographiert, gerne auch dekoriert mit fein waberndem Nebel und gekrönt von raffiniert gleitenden Wolken. Wenn dann noch die Sonne ihr Abend- bzw. Morgenrot über diese Gebirgslandschaft wirft, ist das künstlerische Panorama perfekt. Oder vielleicht doch nur der künstliche Tourismus-Look?

Spaß und Demut

Es werden die klassischen Hot-Spots abgegrast, etwa Matterhorn und Mont Blanc, Chiemsee und Lago Maggiore, Bozen und Luzern, Schloß Neuschwanstein und Stift Stams. Dazwischen sind ein paar Szenen mit versprengten Gemsen montiert. Mehr Tierwelt scheint sich in den Alpen nicht zu tummeln. Auch die Flora wird hartnäckig ignoriert, hingegen der Mensch während all seiner alpinen Invasionsversuche dokumentiert. Noch gibt es ein paar Senner, die ihre Kuhherden auf die Alm treiben; doch die aktuellen Eroberer sind durchweg Extrem- bzw. Fun-Sportler. In ermüdender Aufzählung wird sämtliches Adrenalin-Entertainment zwischen Base-Jumping, Bungee-Jumping, Free-Climbing, Slacklining, Freeriding, Snowboarding, Freeride-Mountainbiking und Wildwasser-Kanufahren (wie uncool, kein Anglizismus!) präsentiert. Gerüchten zufolge soll es in Bergen sogar noch Wanderer geben. Zu sehen sind sie hier nicht.

„Die Alpen“ ist nämlich komplett auf Trend gebürstet. Zwar klingen auch ein paar mahnende Moll-Laute an wie Gletscherschmelze durch Klimawandel, Overdevelopment der Täler oder Tagebau als Frevel am Berg. Aber vertieft werden solche Themen nicht. Schnell ist wieder die Dur-Tonlage gefunden in visuell makelloser Darstellung, sinfonisch orientiertem Soundtrack und fließendem Schnitt. Zu solcher Idealisierung von Naturgewalt paßt der von Udo Wachtveitl angenehm gelassen intonierte Kommentar, der weniger der Information, vielmehr der erbaulich-pantheistischen Mystifizierung dient. So wird postuliert, daß dem Gebirge, einer in jeder Hinsicht unberechenbaren Größe und monumentales Sinnbild von Erhabenheit, mit Achtung und Demut zu begegnen wäre. Offen bleibt, ob beispielsweise Paragliding noch als Demutsgeste durchgeht…

Show und Konsum

Peter Bardehle, zusammen mit Sebastian Lindemann für die Regie verantwortlich, kennt sich aus im Doku-Geschäft. Per Luftaufnahmen ist er 2010 bereits „Deutschlands Küsten“ in gleichnamiger TV-Serie nahe gerückt, zwei Jahre später filmte er „Die Nordsee von oben“. Jetzt mußten die Alpen dran glauben. Ihr phantastisches, stilles Antlitz kann man ohne Zweifel stundenlang betrachten – sofern man direkt vor Ort einen Beobachtungsposten eingenommen hat. Filmbilder jedoch nutzen sich weitaus schneller ab. Jener Reiz, der ihnen durch aerial views, camera flights, Gleitzooms oder eine dramatische Zuspitzung mit Hilfe von Zeitraffern verschafft wird, ist spätestens nach 20 Minuten Film vergangen. Die anschließenden 70 Minuten haben den Appeal eines überlangen Werbespots (tatsächlich wurde für „Die Alpen“ auch auf Footage-Material aus dem Marketingbereich zurückgegriffen), das einen Steinadler nur dann vor die Linse läßt, wenn dieser im Flug eine Minikamera um den Hals trägt.

Tiere sind allein wegen des Spektakels dabei, während der Fokus konsequent auf dem Menschen bleibt. Daß der sich offenbar nur mehr beim Sport in die Natur ’wagt’ und ansonsten diese Landschaften dort draußen auf technisch wie optisch ausgereifte Weise nach Hause auf den Bildschirm transportiert haben möchte, schwingt als Erkenntnis in „Die Alpen“ mit. Natürlich als ungewollte, möchten solche Werke lieber als ökologische Aufklärungsprojekte verstanden werden. Darüber dürfte es den Kreativen entgangen sein, daß ihr Film stattdessen Natur zum verfügbaren Konsumgut deklariert, einerseits im Rahmen einer Kino-Show, andererseits als Freizeitpark für sportiven Übermut.

Geopsyche und Warenwelt

Die Welt aus der Vogelperspektive zu betrachten mag die aktuelle Mode unter den Dokus sein. Neu ist sie nicht. Seit Francesco Petrarca 1336 auf den Mont Ventoux kraxelte und darüber schrieb (nach einer akademischen Lesart begründete dieses erste Zeugnis einer Gipfelbesteigung als Selbstzweck den Alpinismus), hat sich die Landschaftswahrnehmung verändert. Ästhetisches und kontemplatives Moment fallen zusammen, die objektive Anschauung wird zur subjektiven Reflexion, wird zur individuellen Bewußtseinserweiterung. In der Neuzeit gewinnt das Naturerlebnis einen eigenen Sinngehalt.

Während ein Film wie „Die Alpen“ also die allerneueste Technologie zur Hilfe nehmen muss, um den ’genius loci’ der Berge einzufangen – und doch nur eine Art ’geologisch-organische Warenwelt’ ausstellt –, war ein italienischer Dichter vor rund 700 Jahren schon fortschrittlicher. Was das wohl über unsere kulturelle Gegenwart sagt…?


Die Alpen – Unsere Berge von oben

Regie: Peter Bardehle, Sebastian Lindemann

Mit Udo Wachtveitl

Kinostart: 12. September 2013

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