Bären, Dracula und Schnaps

Rumänien! Bären sehen, Wölfe heulen hören, etwas Dracula-Grusel verspüren, zwei Wochen nur Fleisch, Wurst und Paprika essen und mit zahnlosen Schafhirten selbstgebrannten Schnaps trinken – das war die To-do-Liste für eine Reise durch Transsilvanien und die Wallachei.

von David Lins

Schloss Bran bei Brasov lässt sich gern als Draculas Burg feiern

Begonnen hat die Reise eigentlich mit einer Reportage auf arte (das klingt ekelhaft elitär, sagen wir einfach: im Fernsehen). Es ging um die letzten Urwälder Europas und darin war ein Mann namens Hermann Kurmes zu sehen, der die Reporter auf den Spuren von Bären und Wölfen tief in die Wälder der Karpaten führte. Großartig! Genau das wollte ich und – wie sich später herausstellte – auch mein favorisierter Reisegefährte! Hermann Kurmes betreibt eine Pension im Nationalpark Piatra Craiului – dank Google und Internet konnten wir Kontakt aufnehmen, Unterkunft und Guide organisieren. Die erste Etappe der Rumänienreise war entschieden.

Der Aufbruch stand bevor. Rumänien steht nicht unbedingt im Fokus der Billig-Airlines, also entschieden wir uns mit dem Zug von München in die Karpaten aufzubrechen – genau wie literarisch einst Jonathan Harker. 

Exkurs Dracula und München Ursprünglich hatte das Manuskript „Dracula“ von Bram Stoker ein Kapitel ganz am Anfang, das in München spielte und später gestrichen wurde. Und noch immer beginnt das Buch mit den Worten  “3. Mai, Bistritz. Verließ München um 8.35 Uhr morgens am 1. Mai.” 

Im gestrichenen Kapital erlebt Harker eine grauenvolle Nacht – die Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai – in einem Vampirdorf im Münchner Umland und wird dabei ausgerechnet von Graf Dracula gerettet. Nachzulesen ist der Dracula-Prolog übrigens im Buch „Draculas Gast“ (gerade wieder neu aufgelegt von de te be). Das Interessante dabei ist, dass Stoker wohl dabei die Legende vom versunkenen Dorf Pachem aufgegriffen hat, das im 14. Jahrhundert buchstäblich vom Boden verschluckt und zum Schauplatz von unerklärlichen Phänomenen worden sein soll. Bemerkenswert dabei ist in jedem Fall, dass der Ort einst in der Umgebung von Berg am Laim/Trudering gelegen hatte (er wurde des öfteren urkundlich erwähnt und letztmals 1384 genannt). In dieser Gegend stürzte im September 1994  ein Bus der Linie 192 acht Meter tief in einen Krater, der sich innerhalb weniger Sekunden ohne Vorwarnung unter ihm auftat. Hier konnte die Erklärung für das Verschwinden von Pachem liegen. Exkurs Ende

Rund 21 Stunden dauert die Fahrt von München via Wien und Budapest in das rund 1.300 Kilometer entfernte Brasov. Das Gleisnetz im Rumänien ist in keinem besonders gutem Zustand, weshalb alle Züge gleich langsam fahren – wie früh man ankommt, hängt nur davon ab, wie oft der Zug hält.

Die erste Bärenspur

Entspannte Lässigkeit herrscht dafür auch im Zug, je länger die Reise von Budapest nach Brasov dauert, desto lockerer werden die Sitten. Nachdem wir zunächst von heimlich bei geöffnetem Fenster – ja, es gibt sie noch, die guten alten Schiebefenster – auf dem Klo rauchten, so entdecken wir später zwei angetrunkene Rumänen, die während der Fahrt an einer geöffneten Tür sitzen und auch im Speisewagen stehen auf den Tischen irgendwann überall abgeschnittene Getränkedosen als Behelfsaschenbecher. 

Der Schaffner wünscht gegen 20 Uhr eine gute Nacht und drückt uns Frühstücksgutscheine in die Hand mit dem Hinweis, dass es morgen früh vermutlich nichts mehr gäbe und wir besser jetzt unser Frühstück holen sollten. Nach dem Gute-Nacht-Frühstück folgt ein Gute-Nacht-Bier und gegen Morgen der Hinweis, dass wir in Kürze in Brasov einrollen.

In Brasov erwartet uns Bernd Begemann, um uns in den Nationalpark zu unserer ersten Anlaufstelle zu bringen. Bernd Begemann hieß in Wirklichkeit Udo und war unser Guide für die nächsten beiden Tage. In deutschsprachigen Siebenbürgen neigt man offenbar dazu, alte deutsche Vornamen aufzutragen. Wer sich also schon immer gefragt hat, wo all diese Namen wie Hans, Detlev oder eben Hermann oder Udo geblieben sind: In Siebenbürgen.

Wir kommen in Magura an, einer sogenannten Streusiedlung. Ein paar hundert Menschen leben hier, im ganzen Tal kleben kleine und größere Häuser auf den Hügeln – weit verstreut, wie der Name andeutet. Ein erster kleiner Spaziergang führt uns auf einen der angrenzenden Berge, wo wir nach wenigen Minuten die erste Bärenspur im Matsch entdecken. Da wir nicht gleich und so ganz allein unsere erste Bärenbegegnung anstreben, fangen wir eine Pseudounterhaltung an oder sagen auch einfach nur ab und zu mal laut „Bär“. Wer vermeiden will, einen Bären zu überraschen, sollte sich von weitem als Mensch zu erkennen geben – zumindest haben wir dergleichen schon öfter im Fernsehen gehört. 

Die ersten Bären
und die beginnende Nacht im Karpatendorf Magura

Außerdem geht es gegen Abend in fachkundiger Begleitung sowieso zum Hochstand, tief in den Wald. Wenn alles normal läuft, werden wir unseren Bären schon gesehen haben, wenn der Tag vorbei ist. 

Später am Abend verlassen wir im Auto Magura und biegen irgendwann in einen Feldweg ein. Noch zwölf Kilometer geht es in den Wald, danach weiter zu Fuß. Wir haben Glück. Bereits vor Erreichen des Hochstandes entdecken wir einen Bären, etwa zwei Jahre alt, im Hang oberhalb des Weges, vielleicht 15 Meter von uns entfernt. Wir staunen über seine Hochbeinigkeit, den rasanten Abgang und seine Geschwindigkeit dabei. 

Wohl noch bemerkenswerter, weil ein viel rarerer Anblick, ist der Wolf, den wir auf der anderen Seite des Weges hoch im Wald entdecken. Wir sind fünf Minuten zu Fuß im tiefen Karpaten-Wald und haben bereits die beiden größten Raubtiere Europas gesehen. Auch im Hochstand hält unsere Glücksträhne an, insgesamt sechs Bären und ein Schreiadler lassen sich blicken. Nicht übel für den ersten Tag.

In Kürze im zweiten Teil: Von Transsilvanien in die Wallachei. Draculas falsches und echtes Schloss. 

Hier geht es zu ein paar Worten über Literatur und Kleidung

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