Auf der Suche nach dem Leben

Thomas Wolfe ist einer der besten Autoren, die das erste Drittel des 20. Jahrhunderts beherrschten. In „Schau heimwärts, Engel“ präsentierte er uns Eugene Gant, und der uns seine Welt. In „Von Zeit und Fluss“ kehrt er als junger Mann zu uns zurück – und macht sich mit uns gleich wieder auf die Reise.

Wer wandert, kommt irgendwann irgendwo an. Vielleicht nicht am ursprünglichen Ziel, vielleicht aber an einem besser passenden. Manche würden auch behaupten, der Weg wäre das eigentliche Ziel. Thomas Wolfe jedenfalls lässt seinen Hauptcharakter erst einmal 700 Meilen in einer Eisenbahn zurücklegen.

Doch dann geht es erst richtig los: Paris und New York, seit jeher Schauplätze, die ganze Generationen immer wieder und geradezu magisch anziehen. Eugene Gant ist der junge Mann, der sich auf die Suche begibt. Wonach, ist nicht immer einfach herauszulesen. Wolfe hat einen ganz eigenen Satzbau und benutzt Worte, um Stück für Stück eine eigene Welt aufzubauen. In diese muss der Leser erst einmal eintauchen – dank ausführlichster Beschreibung jedes Details und wie sich dieses anfühlt (!) aber kein Problem. Ist er dort angekommen, ist er zuhause. So wie Gant, der auf seiner Reise vor allem sich selbst findet.

In den ersten Auflagen des Buchs fand man den passenden Untertitel „The Legend of Man’s Hunger in His Youth“. Dieser Satz umschreibt perfekt das Gefühl, das uns auch viele Jahrzehnte nach dem Erscheinen des Werks immer noch befällt: Der Drang, auszuziehen und uns die Welt anzuschauen. Der Hunger, nichts zu verpassen, sondern am Leben in der Welt teilzunehmen. Sie zu erobern, das mag etwas abhandengekommen sein.

Das ist aber genau einer der Gründe, warum es an der Zeit war, „Von Zeit und Fluss“ einmal neu zu übersetzen und dem aktuellen Sprachgebrauch anzupassen. Vor dem Titel wurde hier auch kein Halt gemacht – eigentlich erschien das Buch unter „Von Zeit und Strom“. Darüber könnte man heute herrlich mögliche Missverständnisse diskutieren und vielleicht würde Thomas Wolfe selbst den einen oder anderen Kommentar abliefern. Leider ist er 1938 gestorben.

„Von Zeit und Fluss“, das sind 1.200 Seiten, die man sich in Ruhe zu Gemüte führen sollte. Sie sind voller Andeutungen und Scherzen, für die man sich am Liebsten Notizen am Rand machen würde. Was natürlich undenkbar ist, denn das Buch kommt wie beim Manesse-Verlag üblich mit dem qualitativ hochwertigen – und außerdem alterungsbeständigen – Stoffeinband an.

So viele Jahre nach dem ersten Erscheinen wirkt es auch ein bisschen historisch – und extrem faszinierend. Klar, denn der Leser wird in das New York der 20er Jahre versetzt. Durch das Alter des Werks ist auch eine nahezu berauschende Authentizität gegeben, die auch durch die Neuübersetzung behalten werden konnte. Es lohnt sich nicht nur, das Buch mehr als nur einmal zu lesen. Es ist eine Verpflichtung, gegenüber sich selbst.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Thomas Wolfe. Von Zeit und Fluss.
Manesse. 39,95 Euro.

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