Auch wenn du keine Chance hast: Nutze sie!

Schon wieder ein Bestseller. Momentan scheint die englische Autorin Jojo Moyes fast nichts falsch machen zu können. Diesmal schickt sie den grundoptimistischen Pechvogel Jess auf den Roadtrip ihres Lebens.

Auch wenn du keine Chance hast: Nutze sie!

Folgenreiche Entscheidungen

Das Leben hat es nicht besonders gut gemeint mit Jess. Viel zu jung hat sie einen ziellosen Kerl geheiratet, ein Kind bekommen, auch noch die Verantwortung für einen weiteren Sprössling des Göttergatten übernommen und nach dessen Flucht einfach allein versucht das Leben zu meistern. Da tun sich plötzlich unerwartete Chancen auf: Ihre kleine Tochter Tanzie, ein echtes kleines Mathe-Genie, könnte mit einem ziemlich eindrucksvollen Stipendium auf eine Privatschule gehen.

Allerdings kann sich die junge Jess auch den Rest nicht leisten, weil der abwesende Vater von Tanzie und ihrem Stiefsohn Nicky sich auf seine psychischen Probleme beruft und keinen Cent zum Familieneinkommen beträgt. Dabei wird schon Nicky an der staatlichen Schule ständig verprügelt, weil er still ist und gerne Eyeliner trägt. Da fällt der eigentlich grundehrlichen ein Bündel Geldscheine in die Hand – genug um Tanzies Aufnahmegebühr zu bezahlen …

Das Geld, das dann noch fehlt, könnte die Kleine, da sind sowohl Mama Jess, als auch der Mathelehrer sicher, bei einem Mathe-Wettbewerb in Schottland locker gewinnen. Aber wie sollen sie da überhaupt erst hinkommen? Hilfe findet sich ausgerechnet im Besitzer des Geldbündels. Der kutschiert die kleine Unglücksfamilie zunächst widerwillig nach Norden – auch um vor den eigenen Problemen zu fliehen – nur um bald festzustellen, dass er sich lange nicht so wohl gefühlt hat, wie on the road mit Jess und ihren Kindern. Und auch die Daueroptimistin beginnt bald mehr in ihrem Chauffeur zu sehen. Aber so sehr man sich unterwegs auch annähert, die Probleme folgen auf dem Fuß. 

Figuren mit Identifikationspotenzial

Warum Jojo Moyes mit ihren „Frauenromanen“ so erfolgreich ist? Vielleicht liegt es vor allem daran, dass sie die Leserinnen da abholt, wo sie im Leben stehen. Und das sind eben häufiger die miesen Jobs ohne Zukunft und die dramatische Finanzlage, als die Luxusproblemchen aus der Upper Class, die derlei Geschichten sonst oft dominieren.

Ja klar, auch hier gibt es die Aussicht auf das große Glück und die Liebe, aber die Probleme, die dafür überwunden werden müssen, wirken einfach echter, als bei der Konkurrenz. Und Humor haben die toughen Heldinnen aus der Arbeiterklasse meistens auch noch. Damit will frau sich durchaus identifizieren. Die große Literatur sieht freilich anders aus, aber ein nettes Häppchen zwischendurch liefert „Weit weg und ganz nah“ auf jeden Fall – und das hat längst nicht jeder Bestseller zu bieten.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Jojo Moyes. Weit weg und ganz nah.
14,99 Euro. Rowohlt Polaris.

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