Am Rande des Wahnsinns – Der tägliche Klassen-Kampf

Auf diesen Moment warten Lehramtsstudenten das gesamte Studium über: endlich keine Theorie mehr, sondern vor einer richtigen Klasse stehen und unterrichten. Was folgt, ist Ernüchterung. In seinem Buch „Nein, Torben-Jasper, du hast keinen Telefonjoker“ lässt Autor Thorsten Wiese zahlreiche Referendaren aus ganz Deutschland über ihre Erfahrungen zu Wort kommen.

Hilfe Praxisschock! © Rainer Sturm / pixelio.de

Man stellt es sich immer so leicht und entspannt vor: nur den halben Tag arbeiten, den restlichen Nachmittag nichts mehr zu tun, eine Unmenge an Ferien und den Luxus des Beamtenstatus – das Lehrerdasein ist schon was Schönes. Sagen Sie das mal zu einem Referendar – aber nur, wenn Sie riskieren wollen, im nächsten Moment Opfer eines verzweifelten, hysterisch-tobsuchtartigen Anfalls zu werden.

Abhängigkeit und Willkür

Die Erfahrungsberichte in Thorsten Wieses Sammlung vermitteln Außenstehenden einen recht guten Einblick in das Leben eines Referendars, wenn man das überhaupt so nennen kann. Täglich sehen sie sich nicht nur mit Schülern und deren Eltern konfrontiert, sondern in erste Linie mit dem System Schule.

Da ist zum Beispiel der Seminarleiter der alten Schule, der außer vom klassischen Frontalunterricht nichts hält – und seine Schützlinge das auch in der Bewertung ihrer Unterrichtsversuche und Lehrproben deutlich spüren lässt. Neuere pädagogisch-didaktische Ansätze? Dummes Zeug. Auch wenn dem Lehramtsanwärter an der Uni immer und immer wieder eingetrichtert wurde, wie wert- und sinnvoll Gruppenarbeit, kreatives Schreiben und wechselnde Medien in der Unterrichtsgestaltung sind. Oder der, der eine andere Art zu unterrichten als seine schlicht nicht akzeptieren kann, oder will. Nicht zu vergessen die Spezies, die von der nachkommenden Generation nichts hält, sie aber komischerweise trotzdem zu guten Lehrkräften ausbilden will.

All diese Seminarleiter haben eines gemeinsam: Durch ihre „Bewertung“ beeinflussen sie maßgeblich den künftigen Weg ihrer Schützlinge – den Referendaren – mit. Von ihnen hängt es nach dem Referendariat ab, ob die Chance auf eine Festanstellung besteht, oder man sich Gedanken über Sozialleistungen vom Staat machen sollte.

Nicht schwer zu verstehen, dass viele angehende Lehrer ihre berufliche Zukunft einem willkürlichen System ausgeliefert sehen. Passt einem Seminarleiter irgendwas nicht? Schlechte Note. Das wiederum kann zu einer schlechten Gesamtnote im Examen führen und die entscheidet letzten Endes über Anstellungschancen.

Thorsten Wieses Buch ist Ende 2013 im riva Verlag erschienen.

Galgenhumor

Dieses Gefühl vermitteln die Geschichten der Junglehrer allzu oft und nur zu gut. Viele begegnen ihrer Situation dabei fast schon mit einer gewissen Portion Sarkasmus. Auf der einen Seite neigt man als Leser des Öfteren dazu, über das Gelesene zu schmunzeln. Andererseits denkt man sich im Nachhinein: „Das würde ich keinen Monat aushalten!“ und man entwickelt eine gehörige Portion Respekt vor ihrer Arbeit.

Genau das will das Buch zeigen: Der Lehrerberuf ist nicht das, wofür ihn viele Menschen halten. Es ist kein stressfreier Halbtagsjob mit alle paar Wochen Urlaub. Es ist nicht weniger Arbeit, weil sich die Inhalte wiederholen. Es ist nicht leicht, Eltern, Schülern und der Institution Schule gerecht zu werden. Es ist ein Knochenjob mit einer noch härteren Ausbildung, für die viele einen hohen Preis zahlen.

Nicht selten müssen angehende Lehrer mehrere hundert Kilometer von ihrem Heimatort wegziehen, gehen Beziehungen oder Freundschaften kaputt während der Zeit des Referendariats. Dazu kommt die ständige Angst davor, ob man nach der Ausbildung Aussicht auf eine feste Stelle hat und der Druck, in jeder Unterrichtssequenz und Seminarstunde hundert Prozent zu geben. Auch Zeiten der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts und die Korrekturarbeiten verschlingen Massen an Zeit und zwingen gerade Referendare zu unzähligen Nacht- und Sonderschichten – auch und vor allem am Wochenende und in den Ferien.

Erst denken, dann reden

Das Buch bringt einen definitiv dazu, den Beruf des Lehrers mit anderen Augen zu sehen und sich selbst Gedanken darüber zu machen, wie viel Lehrkräfte eigentlich leisten müssen – gerade die jungen. Was besonders deutlich wird – und einen als Leser sehr beeindruckt – ist, dass durchweg alle Referendare, die in diesem Buch etwas über ihren Alltag erzählen, mögliche Fehler nie bei den Schülern suchen, egal wie sehr sie sich in einer bestimmten Situation auch daneben benommen haben. Stets sind sie dazu geneigt, sich selbst in ihrem Verhalten und Handeln zu hinterfragen oder sich tiefere Gedanken über das soziale Umfeld der Kinder zu machen. Diese Tatsache lässt Hoffnung für die Zukunft des deutschen Bildungssystems. Denn die, die das Referendariat überstehen, sind ohne Zweifel mit Leib und Seele Lehrer.


Über den Autor:

Thorsten Wiese ist Journalist, Autor, Redakteur und Vater. Für sein Buch „Nein, Torben-Jasper, du hast keinen Telefonjoker“ (erschienen im riva Verlag) hat er mit zahlreichen Referendaren in ganz Deutschland gesprochen. Er ist in Bielefeld geboren und aufgewachsen. Seit 15 Jahren lebt er in Hamburg.

Julia Schwarzbauer (academicworld.net)

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