Zwischen den Welten (1)

Deutsche Ärzte riskieren beim Einsatz in den Krisenregionen der Welt oft Gesundheit und Leben. Woher sie ihre Überzeugung nehmen, davon berichtet Dr. Edith Fischnaller, Chefärztin des Zentralbereichs Hygiene der Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe und Vorsitzende von Cap Anamur in arzt & karriere.

Dr. Edith Fischnaller, 48, absolvierte ihr Medizinstudium an der Universität Bonn

In wenigen Tagen fliege ich für Cap Anamur nach Laos. Der Grund meiner Reise ist die verheerende Flutkatastrophe in Süd-Ost-Asien sowie die schlechte Gesundheitsversorgung in dem kommunistischen Staat, dessen Hilferufe nicht den Weg nach außen beziehungsweise in unsere Medien finden. Als Vorsitzende und medizinische Koordinatorin werde ich prüfen, inwiefern wir die laotische Bevölkerung unterstützen können. Ich habe dafür zwei Wochen Urlaub genommen, es sind Herbstferien. In dieser Zeit ist eine Betreuung für meine beiden Töchter leichter zu organisieren.

Welche Vorbereitungen müssen zuvor getroffen werden? Als leitende Krankenhaushygienikerin und Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin in einem großen Verbund von katholischen Kliniken und anderen sozial-medizinischen und Pflegeeinrichtungen habe ich eine Abteilung mit 16 Mitarbeitern aufgebaut. Viele von ihnen befinden sich noch in der Ausbildung zur Hygienefachkraft. Hier gilt es, die anfallenden Arbeiten soweit im Vorfeld zu organisieren und übergeben, dass ich zwei Wochen nicht erreichbar sein muss. Denn die meiste Zeit werde ich in Laos, wie auch in vielen anderen meiner Reiseländer, nicht erreichbar sein.

Perspektivwechsel wagen

Die Arbeit für Cap Anamur unterscheidet sich sehr von der in Deutschland. Jede der beiden Tätigkeiten könnte ich aber ohne die andere nicht tun. In einem Spezialgebiet, wie der Krankenhaushygiene, ist ein zeitweiliger Wechsel in eine andere Welt, mit anderen Bedingungen, Vorgaben und ohne die vielen Gesetze und Forderungen, bereichernd. Es hilft beim Perspektivwechsel. Die Bürokratie ist in Deutschland oft weniger ausgeprägt. In einigen Ländern bringt sie mich nah der Verzweiflung, wollen wir doch der Bevölkerung helfen und uns nicht mit Genehmigungen aufhalten. Andrerseits machen die vielen Erfolge unserer Arbeit das rasch wieder wett.

Immer wieder werde ich von meinen Kollegen gefragt, wie man als Ärztin unter solch schwierigen Bedingungen, wie wir sie in den meisten unserer Projektländer vorfingen, arbeiten kann. Cap Anamur ist dafür bekannt, insbesondere an schwierigsten und unmöglichsten Orten zu arbeiten: Wir bauen und unterstützen Krankenhäuser, Gesundheitsposten, Waisenhäuser und Schulen. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen kümmern wir uns um die wichtigsten Elemente der Infrastruktur. Für mich ist genau das das Besondere und Spannende an Cap Anamur: Nicht dort zu arbeiten, wo die Hilfsorganisationen sich gegenseitig im Wege stehen oder um die Projekte konkurrieren, sondern dort zu arbeiten, wo sonst niemand hin möchte beziehungsweise sich hin wagt.

Entwicklungen bei der Arbeit

Dabei haben gerade an diesen Orten vor allem die Kinder, Frauen, Schwangeren und Alten keine Möglichkeit zu fliehen. Oft fehlen ihnen schlicht die Zeit und Mittel, sich um die untragbare politische Zustände oder Umwelteinflüsse zu kümmern. Aktuell zeigt sich beispielsweise an der Dürrekatastrophe in Somalia, mit welcher Verzweiflung aber auch welchem Lebenswillen sich die Mütter mit ihren Kindern in die Hauptstadt Mogadishu aufmachen, um ihnen das Überleben zu ermöglichen. Leider überleben längst nicht alle Flüchtlinge die Strapazen des langen Marschs.

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre machen es einerseits leichter in den Projekten als Mediziner zu arbeiten: Es gibt Internetzugang, E-Mail, Telefon, sogar Mobiltelefone funktionieren häufig. Die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich enorm verbessert; es kann immer Kontakt zu Freunden, Familie, Kollegen und der Cap-Anamur-Zentrale gehalten werden. Diagnosen können von Deutschland aus bestätigt und Therapievorschläge eingeholt werden. Andrerseits ist es dadurch nicht unbedingt ungefährlicher geworden. Entführungen und Gewaltandrohungen gegenüber humanitären Helfern werden immer mehr bekannt und lassen uns unsere Sicherheitsmaßnahmen für die Mitarbeiter verstärken. Vor 15 – 20 Jahre konnte nur telefoniert oder ein Telegramm abgesetzt werden, wenn es die Möglichkeit gab aus dem Projekt in die Hauptstadt zu kommen.

Helfen zu können, an Orten, an denen sonst keine Hilfe stattfände, die Ausbildung von lokalem Personal, unser Wissen an die Projektmitarbeiter weiterzugeben, aber auch von Kollegen vor Ort zu lernen, ihre Arbeitsweise zu verstehen und anzunehmen, die Vor- und Nachteile beider Welten kennen zu lernen und einzusetzen – das macht für mich den Reiz aus. Nicht immer ist der in Deutschland gewünschte Perfektionismus, die Zuordnung der Verantwortlichkeiten und viele andere „deutsche Eigenschaften“ in den von uns betreuten Projekten zielführend. Wir nehmen die einheimische Vorgehensweise an und verbinden sie mit unserer, um den Aufbau funktionierender Krankenhausstrukturen und eines Gesundheitskonzeptes nachhaltig umzusetzen.

Team auf Augenhöhe

Eine der großartigsten Erfahrungen während meiner Projektarbeit ist die ausgeprägte Teamfähigkeit aller Berufsgruppen, insbesondere in gefährlichen oder schwierigen Situationen. In meinem ersten Projekt in Uganda, 1987, unerfahren, neu und jung, konnte ich mich den „alten Hasen“ ohne Wenn und Aber anvertrauen. Meine erste Lumbalpunktion, meine erste Entbindung (die Vakuumentbindungen hatte ich von dem leitenden ugandischen Arzt gelernt), mein erster Narkosezwischenfall, bei dem das Kind fast gestorben wäre, da keine kleinen Tuben zur Intubation vorhanden waren – all das wäre ohne die Rückendeckung eines eingespielten Teams nicht möglich gewesen. Das ist der Grund, wieso ich seit diesem ersten Einsatz immer wieder in den Projekten arbeiten möchte.

Wichtig dabei ist auch die Gleichberechtigung, die sich nicht nur in der Gleichbezahlung aller Teammitglieder darstellt. Der Arzt, der in Deutschland Chef- oder Oberarzt ist, bekommt das gleiche Gehalt wie der Techniker, der für die Reparaturen und den Bau zuständig ist. Im Team hat jeder die gleichen Entscheidungskompetenzen. Nicht zuletzt dadurch sind Grenzerfahrungen, wie ich sie in unserem Krankenhausprojekt in Afghanistan erlebt habe, möglich gewesen.

Grenzerfahrungen

Damals sind wir verschleiert und illegal, denn auf uns war eine Kopfgeldpauschale angesetzt, im Jahr 1987 eingereist. Wir gerieten zwischen die politischen Fronten der Mujaheddins nach dem Abzug der russischen Besatzung. Nach Gefangennahme konnten wir fliehen, kamen aber nicht allzu weit und wurden in die Berge entführt. Nach eigenen Verhandlungen wurden wir freigelassen und konnten nach Pakistan entkommen. Trotz dieser Erfahrungen ist Afghanistan immer noch einer unserer Projektorte. Zurzeit unterhalten wir dort eine Hebammen- und Krankenpflegeschule und bauen ein Krankenhaus. Zuvor haben wir mehrere Krankenhäuser und Gesundheitsprojekte sowie Schulen erfolgreich übergeben.

Unmittelbar nach meinem Afghanistaneinsatz bin ich für zwei Jahre in ein Krankenhausprojekt nach Mosambik gereist, inmitten eines Kriegsgebiets. Wir konnten hier viele Patienten versorgen, Flüchtlingen helfen und Waisenkindern ein zu Hause geben. Am Abend haben die Waisenkinder mit in unser Haus genommen haben, wenn wir mit Angriffen und Bombardierungen rechnen mussten, damit wir gemeinsam fliehen könnten. Es wäre unvorstellbar gewesen, die geretteten Kinder, deren Eltern auf der Flucht gestorben waren, alleine zu lassen und ohne sie Schutz zu finden.

Nach zwei Jahren Projektarbeit in Mosambik folgten Einsätze in Äthiopien, im Sudan und zwei Jahre in Angola. Nach der Geburt meiner Tochter, die mittlerweile 17 Jahre alt ist, habe ich einige Jahre in Deutschland verbracht. Aber sobald es die Umstände erlaubten, standen weitere Projektbesuche an. Von einer Reise nach Angola habe ich meine Adoptivtochter vor fast acht Jahren mitgebracht. Von Beginn an hatte ich auch in Deutschland für Cap Anamur gearbeitet, zuerst in der Logistik und den Einkauf für die Projekte, dann in der medizinischen Koordination. Seit fast acht Jahren bin ich nun im Vorstand der Organisation und vor etwa sieben Jahren wurde ich zur Vorsitzenden gewählt. Ich hoffe, diese Arbeit trotz Familie und anspruchsvoller hauptamtlicher Tätigkeit noch lange machen zu dürfen und das tolle Team bei Cap Anamur unterstützen zu können.

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