“Zusätzliche Serviceleistungen werden immer wichtiger”

Das Münchner Management Kolloquium an der TU München gilt als eine der herausragenden Tagungen für ­Führungskräfte. Im Anschluss an die 18. Veranstaltung dieser Reihe mit dem Titel “Globale Indsutrialisierung” ­sprachen wir mit dem Ausrichter Professor Dr. Horst Wildemann.

Professor Hans-Werner Sinn war eine der Redner auf dem Kolloquium © TU München

Welche fachlichen Erkenntnisse hat die Veranstaltung gebracht?

Das Thema „Globale Industrialisierung“ ist ein Schlüsselfaktor des Aufschwungs. Deutsche Unternehmen sind auf einem guten Weg, die Internationalisierung fortzusetzen. Doch die Diskussion zu den Qualitäten des Standortes Deutschland verläuft kontrovers: Hohe Personalkosten, Fachkräftemangel und hoher Bürokratieaufwand sind primäre Ursachen dafür, dass der Standort Deutschland im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Gleichzeitig erkennen wir, dass unser Standort durchaus über Qualitäten verfügt, die es attraktiv machen, neu zu investieren.

Die globale Industrialisierung erfordert ein anderes Verständnis der Wertschöpfung. Die Partner in den globalen Märkten wollen an dieser teilhaben. Das Wohlergehen der Kunden und die Überlebensgeschwindigkeit der Zulieferer sind ebenso zu beachten, wie die wirtschaftlichen Probleme in den Ländern, in denen deutsche Unternehmen produzieren und verkaufen. Das Bewusstsein dafür haben kluge Unternehmenslenker und Vordenker schon entwickelt. Einige vielversprechende Ansätze zu neuen Managementmethoden konnten wir in den Vorträgen dieses Kolloquiums beobachten.

Quer durch alle Vorträge zog sich die Erkenntnis der Unternehmen, dass der globale Wettbewerb ohne ausreichende Kapazitäten an hoch qualifizierten Akademikern nicht zu bestehen sein wird.

Der Begriff „Wissensgesellschaft“ unterstreicht, dass im Vergleich zu früheren Jahrhunderten Wissen und Kompetenzen heute noch viel wichtiger als die Muskelkraft geworden sind. Aber: Globale Probleme erfordern global verfügbares Wissen für lokal optimale Lösungen. Es gilt das international verfügbare Wissen sowie Erfahrungen zusammenzuführen.

Unternehmen müssen sich nicht nur in die globalen Wissensnetze von Wissenschaft und Forschung einklinken, sondern auch ihre internen Wissensnetze gegen die Konkurrenz abschotten, um möglichst große Wissensvorsprünge zu halten. Deutschland steht sowohl innerhalb Europas als auch im weltweiten Vergleich an der Spitze in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Entwicklung. Deutsche Unternehmen haben eine Vorreiterrolle bei innovativen Produkten inne. Auch heute noch haben Produkte „Made in Germany“ einen exzellenten Ruf.

Was braucht ein deutsches Unternehmen, um auf diesen Märkten dauerhaften Erfolg zu haben?

Erfahrungen zeigen, dass ein erfolgreicher Markteintritt in zwei Phasen stattfindet. Der Einstieg basiert auf einer Nischenstrategie im bestehenden Hochpreissegment. Die Positionierung zielt zunächst auf eine Technologieführerschaft ab. Wichtig ist es, die Qualitäts- und Leistungsmerkmale als Vorteile der Produkte zu kommunizieren und zu quantifizieren. Nach dem erfolgreichen Einstieg, sollte das Unternehmen sich auf die Wettbewerbsfähigkeit fokussieren. Die Produkte sind technisch an den Markt anzupassen. Wesentliche Erfolgsfaktoren für deutsche Unternehmen sind eine umfassende Marktkenntnis sowie das Verstehen der spezifischen Strukturen. Die Eigenheiten des Landes, beispielsweise Indien, erfordern meist Geduld und Durchhaltevermögen. Auch die richtigen Kontakte sind ein wesentlicher, nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor. Die Kontaktaufnahme mit Planern und politischen Entscheidungsträger bei der Umsetzung vor Ort leistet einen erheblichen Beitrag, die kulturellen Eigenheiten in Geschäftsbeziehungen zu verstehen und zu leben. Es besteht die Notwendigkeit einer spezifischen Bewertung der Absatzpotenziale für die angebotenen Technologien und Produkte und die Einhaltung der Kundenanforderungen. Der Zugang zu lokalen Förderungen und kostengünstige Finanzierungen verbessern die Renditeerwartungen für spezifische Projekte.

Die Renditeerwartungen werden sicherlich auch dadurch beeinflusst, dass Wissensaustausch zwischen Wirtschaft und Hochschulen gelingt. Wie gut funktioniert der Technologietransfer zwischen Hochschulen und Wirtschaft?

Eine Vielzahl deutscher Universitäten fördert durch unterschiedlichste Maßnahmen den Wissens- und Technologietransfer zwischen Universität und Wirtschaft. Ziel ist zumeist, Ergebnisse der Universität, die sich aus Wissenschaft sowie Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten und der universitären Bildung ergeben, in innovative Produkte, Prozesse und Dienstleistungen zu überführen. Praxisnahe Bildung und Forschung ist auch an der Technischen Universität München ein wichtiger Baustein. Die Einbeziehung von konkreten Praxisbeispielen in Vorlesungen, Praktikantenplätze für Studenten, praxisorientierte Semester- und Diplomarbeiten sind nur wenige Beispiele. Die UnternehmerTUM, das Zentrum für Innovation und Gründung, zählt beispielsweise zu den führenden universitären Innovations- und Gründerzentren Europas.

Wie lange lässt sich ein technischer Vorsprung im globalen Wettbewerb eigentlich halten? Schließlich holen Schwellenländer in der Entwicklung eigener technologischer Produkte immer mehr auf.

Deutsche Produkte werden auf der Welt für ihr hohes Maß an Präzision und Beständigkeit geschätzt. Eine Vielzahl deutscher Unternehmen strebt die Technologieführerschaft an oder hat diese bereits inne. 60 Prozent der Unternehmen sehen sich als weltweite „Lead Factory“, ansässig am Standort Deutschland. Im globalen Wettbewerb bestehen deutsche Unternehmen zunehmend durch ihr differenziertes Leistungsangebot. Globale Märkte, sich angleichende Produkte und steigende Markttransparenz führen zu einer vom Kunden wahrgenommenen Austauschbarkeit der Produkte. Unternehmen begegnen dieser Herausforderung durch zusätzliche Serviceleistungen. Immaterielle Leistungsbündel lassen eine Individualisierung des Angebotes zu. Der Ausbau kundenindividueller Fabrikstrukturen und die Verkürzung von Innovations- und Produktlaufzeiten eröffnen neue Märkte. Deutsche Unternehmen verfügen über die Herstellungskompetenz für hochwertige Investitionsgüter, die Fähigkeit industrielle Produkte und Dienstleistungen zu kombinieren und überall auf der Welt Fabriken einzurichten, um die Chancen zu nutzen.

Der Kauf von Jaguar durch die indische Tata-Gruppe ist nur ein Beispiel dafür, dass Unternehmen aus Schwellenländern Firmen westlicher Industrienationen erwerben, um in den Besitz von Fertigungsmethoden und Technologien zu kommen. Gelingt diese Strategie?

Indische Unternehmen kauften bereits mehrmals deutsche Technologieführer. Neben Tata Motors ist Suzlon, die den deutschen Windanlagenbauer RePower übernahmen, ein prominentes Beispiel. Wie Suzlon ist Tata Motors vor allem an der Technologie und der Marke sowie an einem neuen Kundenkreis interessiert. So erhalten die beiden indischen Unternehmen zudem Zugang zu den westlichen Märkten. Die Schwierigkeit bei Tata Motors besteht beispielsweise darin, die Luxusmarke effizient in das bestehende Portfolio zu integrieren. Tata war bis zum Zeitpunkt des Kaufes nicht in Märkten für Luxuswaren aktiv.

Wenn Konzerne aus Schwellenländern auf den europäischen Märkten konkurrenzfähig sein wollen, liegt es dann nicht nahe, dass sie F&E-Leistungen aus deutschen Hochschulen nachfragen?

Ich möchte Ihnen hierzu ein Beispiel nennen: Deutsche Produkte werden in Indien für ihr hohes Maß an Präzision und Beständigkeit geschätzt. Allerdings haben es bisher nur wenige Firmen geschafft, sich auf dem Markt langfristig erfolgreich zu positionieren. In einem Forschungsprojekt der Technischen Universität München in Kooperation mit BRIDGE TO INDIA besteht das Ziel darin, diese Erfolgsquote zu erhöhen. Untersucht wird, wie mittelständische Unternehmen ihre Produkte und Unternehmensstrategien besser an die indischen Rahmenbedingungen und Marktanforderungen anpassen können.

Professor Sinn sprach in seinem Vortrag davon, dass der deutschen Wirtschaft wohl eine „goldene  Dekade“ bevorstünde. Welche hausgemachten Fehler könnten diese Perspektiven verhageln?

Um auch zukünftig erfolgreich zu sein und neue Ertragspotenziale zu erschließen, ist das Betätigungsfeld für strategisches Denken zu erweitern. Es reicht nicht, das gesellschaftliche Umfeld in der Branche oder dem Geschäftsbereich zu verstehen. Vielmehr ist zu beachten, dass sich die Wahl des Standortes tiefgreifend auf die Absatzkanäle, die Innovationsfähigkeit und die Zulieferbasis auswirkt. Es gilt in der globalen Industrialisierung mehr Augenmerk auf positive Rückkopplungseffekte zu legen. Im alten Bild des Kapitalismus tragen Unternehmen zur Gesellschaft bei, indem sie Gewinne machen. So schützen sie Jobs, Löhne, Käufer, Investitionen und Steuern. Ich machte die Beobachtung, dass der Wert eines Unternehmens nicht mehr nur in „shareholder value“ gemessen werden kann. Eine globale Industrialisierung erfordert vielmehr einen „shared value“ in dem Kunden und Lieferanten aber auch andere Gesellschaften an der Wertschöpfung teilnehmen.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wildemann © TU München

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Horst Wildemann

studierte in Aachen und Köln Maschinenbau und Betriebswirtschaftslehre. Seit 1980 lehrt er als ­ordentlicher Professor für BWL an den Universitäten Bayreuth, Passau und seit 1989 an der Technischen ­Universität München. Zudem steht Prof. Wildemann einem Beratungsinstitut mit über 80 Mitarbeitern für ­Unternehmensplanung und Logistik vor.

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